grammis 2.0

das grammatische informationssystem des instituts für deutsche sprache (ids)
                                                                                             
Korpusgrammatik Grammatik in
Fragen und Antworten
Systematische
Grammatik
Grammatische
Fachbegriffe
Grammatisches
Wörterbuch
Grammatische
Bibliografie
                                                                             
                                   
Ausdruckskategorien und Ausdrucksformen Syntagmatische Beziehungen Paradigmatische Beziehungen Kommunikativ-funktionale Sicht Ressource: KonnektorenDB

[Impressum] [Datenschutzerklärung]

                                                                           
Schlagwörter: Wortart Wortbildung => Schlagwortwolke/Tag Cloud Vertiefung

Probleme bei der Wortartklassifikation

Mit der Klassifikation über Merkmalsbündel kann der überwiegende Teil des Wortschatzes des Deutschen klassifiziert werden. Ein verbleibender widerspenstiger Restbestand von Wortschatzeinheiten wird sich allerdings weiterhin nicht mühelos einer Klasse zuordnen lassen. Die Gründe dafür sind:

1) Verschiedene Verwendungsweisen einer Form (Homonymie / Polykategorialität / Polyfunktionalität)

Dass eine Form in ganz verschiedenen Umgebungen, in mehr oder weniger voneinander entfernten Bedeutungen verwendet werden kann, tritt vor allem bei unflektierbaren Wörtern auf. Ob man in den folgenden Beispielen doch, wie, ab, denn usw. jeweils als ein Wort in unterschiedlichen Verwendungen analysiert oder von mehreren, homonymen, Wörtern unterschiedlicher Wortart, hängt auch vom zugrundegelegten theoretischen Rahmen ab.

A. "Das geht so nicht." - B: "Doch!"
Und die Erde dreht sich doch!
Ich bin doch nicht blöd!
Ich bin, sprach jener, zu sterben bereit. Doch bitt' ich dich um drei Tage Zeit. (Friedrich Schiller, Die Bürgschaft)

Warum weint sie denn?
Denn sie wissen nicht, was sie tun.
Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn.
Nun denn.

seit heute früh
Seit der Krieg begann,...

Wie heißt du?
Ach wie gut, dass niemand weiß,wie ich heiße.
Männer wie Frauen
Männer wie du und ich

Literatur: Brauße 1992, Brauße 1991.

2) Grenzgebiete zwischen Syntax und Wortbildung, Schwankungen zwischen Syntagma und Univerbierung

Bei komplexen Verben wie Rad fahren, kennen lernen, tot schlagen, freistellen legt die neue Orthographie mit einer Tendenz zur Getrenntschreibung mitunter Syntagma-Interpretation nahe, wo intonatorische Eigenschaften eher für ein komplexes Verb sprechen. Auch bei Junktoren und Präpositionen gibt es Fälle von mehrteiligen Ausdrücken, die semantisch nicht mehr in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden können: um... willen, auf dass, weder.. noch, sowohl .. als auch.

Literatur: Herberg 1980, Herberg 1981, Gallmann 1997, Sternkopf 1992.

3) Synchrone kategoriale Schwankungen, Wortartwechsel und uneindeutiger Sprachgebrauch

Schwankungen in Form und Verwendung können ein Anzeichen für Sprachwandelprozesse sein, z. B. bei solch-, manch- , die schwache und starke Flexion beim nachfolgenden Adjektiv nach sich ziehen. Schwankungen zwischen Adverb und Adjektiv liegen vor in unter versuchsweiser Verwendung moderner architektonischer und künstlerischer Ausdrucksform/ die versuchsweise kontrollierte Abgabe von Heroin. Auch Partizipien können zwischen Verbalform und Adjektiv schwanken: verblüffend, entsprechend, erstaunt

Literatur: Vogel 1996, Sommerfeldt 1988, Bergenholtz / Mugdan 1979, Ballweg 1996.

4) "Randständigkeit" einer Einheit in einer Klasse

Der Fall, dass eine Einheit nicht alle, sondern nur einen Teil der Merkmale der Klasse teilt, hat in der Sprachwissenschaft die Anwendung der Prototypentheorie auf die Wortartenklassifikation begründet. Nach diesem Konzept hätte z. B. die Wortart Adjektiv einen festen Kernbestand von Einheiten, die die Merkmale Flektierbarkeit, und Verwendung in drei syntaktischen Funktionen (attributiv: der schnelle Flitzer ; prädikativ: der Flitzer ist schnell ; adverbial: Hans flitzt schnell ) aufweist. Um diesen Kern herum lagern sich Einheiten, die eingeschränkt verwendbar sind wie z.B. die nicht prädikativ und adverbial verwendbaren Adjektive hiesig, dortig. Ganz an der Peripherie der Klasse sind dann Einheiten wie quitt, abhold, gaga, plemplem, die nur prädikativ verwendet und nicht flektiert werden können, und die in rigideren Klassifikationen konsequent als eigene Wortart klassifiziert werden (Adkopula). Entsprechend kann man in einem solchen Konzept auch Verben mit eingeschränktem Vorkommen als Finitum (z.B. wir wollen bausparen, weil wir jetzt bausparen, ?? wir bausparen ?? wir sparen bau ) oder in der Form unveränderliche Artikel und Pronomina ( allerlei dummes Zeug, man ) beschreiben.

Literatur: Charitonova1977, Vonhoegen1994, Kaltenbacher 1996.

5) Hochidiosynkratische Eigenschaften eines Wortes

Einige unflektierbare Wörter wie z. B. kaum, außer, denn, aber, geschweige, rings, mitten entziehen sich aufgrund ihrer ganz besonderen "einzelgängerischen" Stellungseigenschaften und Vorkommensbedingungen einer klaren Wortartzuordnung.

Welche Probleme Grammatiker mit den hier aufgeführten Worten haben, kann man in einem Vergleich verschiedener Grammatiken und Wörterbücher beobachten: man wird recht heterogene Klassifikationen antreffen.

Weitere Literatur zu Problemen der Wortartklassifikation im Deutschen

Sommerfeldt 1993, Helbig 1977, Helbig 1968.

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 02.06.2017 11:34.