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Schlagwörter: Präposition Präpositionalphrase => Schlagwortwolke/Tag Cloud Detailtext   Kompakttext

Präpositionen und Präpositionalphrasen im Überblick

Spitzweg: Der Bücherwurm

Wenn jemand in Worte fassen möchte, was er auf dem Bild - Carl Spitzwegs Bücherwurm - sieht, wird er oder sie nicht umhin können, dabei Präpositionen und aus Präpositionen gebildete Phrasen zu verwenden. Er (oder sie) wird vielleicht sagen

1. Ein Mann steht auf einer Leiter.
2. Ein Mann liest auf einer Leiter ein Buch.
3. Er hat sich ein Buch aus einem Bücherregal genommen.
4. Er schaut in ein Buch und hält ein weiteres in der Hand.
5. Er hat ein Buch zwischen die Knie und ein anderes unter den Arm geklemmt.
6. Ein Mann steht vor einem Regal.
7. Wir sehen einen Mann auf einer Leiter.

Die Beispiele zeigen, dass mit Präpositionalphrasen vor allem Ereignisse und ereignisbeteiligte Objekte hinsichtlich ihrer räumlichen Situierung charakterisiert werden. Grammatisch gesehen fungieren Präpositionalphrasen als Adverbialia, die Sätze oder Verbgruppen modifizieren. Die Region, in der das Objekt oder Ereignis lokalisiert wird, wird dabei durch das 'innere Argument' der Präposition, eine Nominalphrase oder Pronominalphrase, ausgedrückt. Das lokalisierte Objekt selbst, das 'äußere Argument', wird häufig durch das Subjekt des Satzes (Beispiel 1) oder durch den gesamten Restsatz (Beispiel 2) denotiert, es kann aber auch, wie in 7, das Denotat eines Komplements sein.

Präpositionalphrasen dienen aber nicht nur der räumlichen Charakterisierung: sie können auch temporale, kausale, instrumentale, modale, finale und andere Spezifizierungen von Ereignissen und Ereignisbeteiligten ausdrücken.

8. In diesem mörderisch heißen Sommer hält man es bestenfalls in der Bibliothek aus.
9. Aus Liebe zur Literatur wird sich der Bücherwurm noch den Hals brechen.
10. Die oberen Reihen sind nur mit der Leiter zu erreichen.
11. Bei seiner Kurzsichtigkeit sollte er es vielleicht mal mit einer Brille versuchen.
12. Für seine geistige Erbauung ist dem Bücherwurm jedes Buch recht.

Dabei werden die konzeptuellen autonomen Grundbedeutungen von Präpositionen in einem Prozess der metaphorischen Übertragung und Analogiebildung auf andere als räumliche Verhältnisse angewendet. Dieser Übertragungsprozess findet seinen Endpunkt in der Verwendung von Präpositionalphrasen als Termkomplementen: die Präposition ist hier nicht mehr semantisch autonom kodierend, d.h. sie hat keine selbständige und unabhängig von der Umgebung erschließbare Bedeutung, sondern Reste ihrer Grundbedeutung gehen als Bedeutungsbestandteile in die Bedeutung des Prädikatsausdrucks ein. Syntax und Semantik sind hier nicht parallel: einer syntaktischen Struktur [sich freuen]V [auf Weihnachten]PP entspricht semantisch 'sich freuen auf' 'Weihnachten'.

Die Reste der Grundbedeutungen, die Präpositionen in lokaladverbialer Verwendung haben, und auch die Übertragungswege sind in vielen Präpositivkomplementen noch gut rekonstruierbar.

13. Auf unsere Loyalität können Sie bauen.
14. Es läuft alles auf einen Vergleich hinaus.
15. Das Problem besteht in der Finanzierung.
16. Darüber kann ich nur lachen.
17. Wer kümmert sich eigentlich während des Urlaubs um die Katze?

Präpositionalphrasen können sowohl Komplementstatus als auch Supplementstatus haben; sie treten im Bereich von Verben, Adjektiven und Nomina auf.

Adverbialkomplement Supplement Termkomplement
zum Verb Er steht auf der Leiter. Er liest auf der Leiter. Er wartet auf einen Freund.
zum Adjektiv in Mannheim ansässig grün im Gesicht stolz auf die Leistung
zum Nomen Reise an die Nordsee Mann auf der Leiter Wut auf den Nachbarn

Ihrer syntaktischen Struktur nach bestehen Präpositionalphrasen im Standardfall aus einer Präposition, die den Kopf der Konstruktion darstellt, und einer im Kasus von dieser regierten Nominal- oder Pronominalphrase.

Einige wenige Präpositionen verbinden sich auch mit Adverbien (seit heute, bis morgen, von gestern) und Präpositionalphrasen (seit nach der Wende, bis hinter dem Zaun). Präpositionalphrasen in der Funktion von Adverbialia können modifiziert sein (knapp hinter der Grenze, fünf Minuten nach dem Essen, schräg über dem Sofa) und miteinander zu komplexen Phrasen kombiniert werden.

In Mannheim am Rhein in der Nähe vom Strandbad gibt es ein Restaurant mit exzellenter Küche.

Bei den Präpositionen unterscheidet man den Kernbestand der ca. 20 morphologisch einfachen und diachron älteren, überweigend lokalen Präpositionen von jüngeren Bildungen, die aus anderen Wortarten (laut, kraft, dank, bezüglich, hinsichtlich, entsprechend, ausgenommen) oder Phrasen (anstelle, infolge, aufgrund, in Hinblick auf) abgeleitet sind. Die beiden Typen von Präpositionen und die mit ihnen gebildeten Phrasen unterscheiden sich in ihren morphologischen, syntaktischen und semantischen Eigenschaften erheblich. Letztere regieren überwiegend den Genitiv, bilden keine Präpositivkomplemente, lassen sich - mit Ausnahme der Ausdifferenzierungen lokaler Präpositionen wie inmitten, unterhalb, linkerhand - nicht adverbial modifizieren und stellen eine offene Klasse dar.

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 27.02.2002 15:25.