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Schlagwörter: Proposition => Schlagwortwolke/Tag Cloud Detailtext

Propositionsspezifikationen

Definition der Spezifikation von Propositionen

Als Propositionsspezifikationen werden hier Operationen bezeichnet, die eine als Basis gegebene Proposition so modifizieren, dass die resultierende Proposition unter denselben Bedingungen wahr ist wie die Basisproposition sowie unter weiteren, die durch die Spezifikationen hinzukommen. Als Basis dient jeweils die Proposition, auf die derartige Spezifikation angewandt wird. Diese kann also elementar sein oder selbst bereits spezifiziert.

Der Gebrauch von Propositionsspezifikationen muss im Einklang mit den elementaren Prinzipien kommunikativen Handelns sein. Man erwartet normalerweise, dass die Spezifikation wichtig ist und weder zu Über- noch Unterinformation führt. Tatsächlich fallt es schwer, Beispiele für nicht erforderliche Propositionsspezifikationen zu geben, denn kooperativ wie Sprachteilhaber nun einmal sind, denken sie sich sofort Kontexte aus, in denen eine Spezifikation besonders wichtig erscheint.

Propositionsspezifikationen unterscheiden sich in dieser Hinsicht wesentlich von Komponenten elementarer Propositionen. Die Frage der kommunikativen Relevanz stellt sich bei diesen Komponenten nicht. Sie sind strukturell notwendig. Man kann sie mit den tragenden Teilen eines Bauwerks vergleichen: Ein Bauwerk mag in bestimmter Hinsicht mehr oder weniger notwendig sein, aber, um ein Bauwerk zu sein, braucht es in jedem Fall Mauern, ein Dach etc.

Als Basis von Propositionsspezifikationen kommen ausschließlich Propositionen in Frage, die entweder elementar sind oder weitere, anders geartete Propositionsspezifikationen umfassen, jedoch keine Spezifikationen, die ein Diktum insgesamt betreffen. Das heißt: Propositionsspezifikationen haben einen engeren Skopus als Geltungsmodifikationen und geltungsneutrale Erweiterungen von Dikta.

Mit der Funktionsbeschreibung der Propositionsspezifikation ist ein Kriterium gegeben, das erlaubt, sie von jeder anderen Art der Modifikation bei Dikta zu unterscheiden: Da die Geltung all dessen, was eine Proposition entwirft, durch eine Negation ausgeschlossen werden kann, können Propositionsspezifikationen nie weiteren Skopus haben als eine Negation ihrer Basis. Dies trifft auf keine andere Art von Diktumsmodifikation zu.

Ob eine Operation weiteren oder engeren Skopus hat als eine andere Operation, wird im Allgemeinen anhand geltungsneutraler Umformungen kommunikativer Minimaleinheiten überprüft: Der Einheit wird, unter Anpassung der Wortstellung, ein es ist der Fall, dass oder ein trifft es zu, dass vorangestellt, in dem der Ausdruck der in Frage stehenden Operation eingeschoben wird. Die Ergebnisse der Umformung überzeugen allerdings nicht immer in gleichem Maß. So mag man geteilter Meinung darüber sein, ob im folgenden Beispiel eine akzeptable Umformung vorliegt.

Heute ist es der Fall, dass es nicht geregnet hat.
Heute hat es nicht geregnet.

Die Feststellung zu den Skopoi von Propositionsspezifikationen und Negation hängt jedoch nicht allein von der Akzeptabilität der Umformung ab: Auch wenn man diese Umformung für akzeptabel hält, kann festgehalten werden, dass die Zeitspezifikation keinen weiteren Skopus haben kann als die Negation, denn in keinem Fall sind die Wahrheitsbedingungen für die Basis verschieden von denen für den folgenden Satz.

Es ist nicht der Fall, dass es heute geregnet hat.

Bei Diktumsmodifikationen, die sowohl innerhalb wie außerhalb des Skopus einer Negation auftreten können, führt die Umkehrung der Skopusverhältnisse jedoch stets zu einer Änderung der Wahrheitsbedingungen.

Auch mit der Ausgrenzung anderer Formen der Diktumsmodifikation kann noch nicht als geklärt gelten, was man unter einer Propositionsspezifikation zu verstehen hat, denn sie werden dadurch nur von Operationen mit weiterem Skopus unterschieden.

Eine Proposition kann auf vielfältige Weise spezifiziert werden, denn auch jede Spezifikation einer Komponente einer Proposition bewirkt eine Spezifikation der Proposition.

Jochen isst ein Schinkenbrötchen.
Der dicke Jochen isst ein Schinkenbrötchen.
Der dicke Jochen isst mit erkennbarem Vergnügen ein Schinkenbrötchen.

Natürlich handelt es sich bei dicke um eine Ausdruckseinheit, die keine Diktumsmodifikation im hier eingeführten Sinn bewirkt, weil sie innerhalb eines Argumentausdrucks auftritt. Aber nicht immer kann man - ohne zirkulär zu werden - davon ausgehen, dass die Spezifikation durch eine Propositionsspezifikation bewirkt wird.

Sieht man von Spezifikationen ab, die von spezifizierten Argumenten ausgehen, bleiben grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Die Spezifikation einer Proposition relativ zu einer Basisproposition kann durch Spezifikation des zentralen Prädikats oder durch Spezifikation der Proposition insgesamt bewirkt werden. Um welche Art Spezifikation es sich jeweils handelt und ob es sich überhaupt um verschiedene Arten handelt, ist nicht festzustellen, solange nicht hinreichend klar ist, unter welchen Bedingungen man von einer Spezifikation sprechen kann, die einer Proposition insgesamt gilt.

Was Prädikatsspezifikation und Propositionsspezifikation unterscheidet, ist der Skopus der jeweiligen Operationen.

Prädikatsspezifikationen spezifizieren zunächst einmal Prädikate. Sie können dabei eine charakterisierende, jedoch keine spezifizierende Wirkung für eines der Argumente eines spezifizierten Prädikats haben.

Eier sollte man besser nicht roh essen.

Hier wird das mit Eier formulierte Argument als roh charakterisiert. Es wird jedoch keine Spezifikation vorgenommen, die dann etwa zu einem Gegenstand 'rohe Eier' führen würde.

Wird mit einem spezifizierten Prädikat eine Proposition gebildet, liegt streng genommen keine Propositionsspezifikation mehr vor, da in die Proposition eine vorgängig gegebene Spezifikation eingegangen ist. Der Eindruck einer Propositionsspezifikation ergibt sich nur, wenn man die so gebildete Proposition mit der Proposition vergleicht, die mit dem entsprechenden Basisprädikat gebildet wurde.

Genuine Propositionsspezifikationen spezifizieren Propositionen nicht auf dem Weg einer Spezifikation von Prädikaten, sondern stets insgesamt.

Das zeigt die folgende exemplarische Überlegung: 'roh essen', 'heiß trinken', 'schnell laufen' sind Spezialfälle von 'essen', 'trinken', 'laufen'. Dagegen ist 'in Karlsruhe kosten' keineswegs ein Spezialfall von 'kosten'. Man kann feststellen, ob eine Spezifikation dem Prädikat oder der Proposition insgesamt gilt, indem man versucht, die Operation direkt auf das Prädikat anzuwenden.

Dimensionen der Spezifikation von Propositionen

Eine vergleichende Betrachtung verschiedener Propositionsspezifikationen zeigt, dass nicht jede Spezifikation einer Proposition einen eigenen Aspekt ins Spiel bringt.

Sie hatte sich neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich bei strömendem Regen neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich gestern neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich in Stuttgart neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich vor ein paar Tagen neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich in der Calwer Passage neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich unter missbilligenden Blicken ihres geizigen Mannes neue Kleider gekauft.

Als kompetenter Sprachteilhaber erkennt man: Es lassen sich leicht Paare von Spezifikationen derselben Aspekte der Basisproposition bilden. Auch ohne besondere theoretische Kenntnisse kann man angeben, welche Aspekte das sind: Der Sachverhaltsentwurf wird im Hinblick auf sein Wann, sein Wo und vorherrschende Umstände spezifiziert. Das sind - aus Gründen, über die eine Grammatik nicht spekulieren sollte - die Dimensionen der Propositionsspezifikation, an denen Sprecher und Hörer interessiert sind.


Wann? Sie hatte sich gestern neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich vor ein paar Tagen neue Kleider gekauft.
Wo? Sie hatte sich in Stuttgart neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich in der Calwer Passage neue Kleider gekauft.
Unter welchen Umständen? Sie hatte sich bei strömendem Regen neue Kleider gekauft.
Sie hatte sich unter den missbilligenden Blicken ihres geizigen Mannes neue Kleider gekauft.


Eine systematische Betrachtung weiterer Spezifikationen zeigt, dass die Zahl der festzustellenden Aspekte nicht größer wird. Das ändert sich auch nicht, wenn man andere Basispropositionen wählt. Die exemplarisch vorgestellten Aspekte der Spezifikation erschöpfen offenbar die Dimensionen, in denen eine Spezifikation von Proposition erfolgen kann.

Unter den hier aufgeführten Aspekten der Spezifikation von Propositionen fehlen die Aspekte des 'Wie lang?', des 'Wie oft?', des 'Warum?', des 'Wozu?' und des - nicht erfragbaren - so genannten 'wirkungslosen Gegengrundes', weil wir als Propositionsspezifikationen nur Modifikationen betrachten, die sich notwendig auf den Sachverhaltsentwurf auswirken, der mit einer Proposition zu bilden ist. Die Modifikation einer Basisproposition etwa im Hinblick auf ein Wozu hat zwar, rein logisch betrachtet, wie eine Propositionsspezifikation eine spezifizierende Wirkung, aber sie ist nicht auf den Sachverhalt, sondern auf den Wissensstatus - das 'So ist es' - bezogen, unter dem die Proposition zu betrachten ist. Mit einer Finalspezifikation etwa, wie sie im folgenden Beispiel zum Ausdruck gebracht wird, wird dem Bestehen des entworfenen Sachverhalts ein Zweck zuerkannt. Der Sachverhalt, den die Proposition entwirft, bleibt durch die Finalspezifikation unverändert.

Sie sparen übers Jahr an allem, damit sie sich zwei Wochen in der Karibik leisten können.

Spezifikationen der Dauer, die mit Zeitspezifikationen in Wechselwirkung stehen können, sind nicht als Propositionsspezifikationen zu betrachten, weil sie einen weiteren Skopus als die Negation haben können und mithin als Modifikationen des Geltungsanspruchs wirken, der mit einem entsprechenden Diktum eingebracht wird.

Er hat sich seit Stunden nicht gerührt. Er hat sich nicht gerührt, und das ist seit Stunden der Fall.

Jedoch nicht:

Er hat sich seit Stunden gerührt, und das ist nicht der Fall.

Die zweite Umformung kann nur als Paraphrase dieses Satzes gelten.

Es trifft nicht zu, dass er sich seit Stunden gerührt hat.

Auch Spezifikationen der Häufigkeit können nicht als Propositionsspezifikationen gelten. Sie können jedoch nicht einfach als Diktumsmodifikationen klassifiziert werden, denn man findet sie in zwei Varianten:

Prädikatsspezifikationen

Die Schmalseiten sind doppelt beschichtet.
(www.nedo.com/german/produkte/vmg6.html)

Geltungsspezifikationen

Er war es auch, der mehrfach in der Neuen Zürcher Zeitung bekanntgab, daß er wieder mal in der Schweiz und alle seine Freunde zu einem Umtrunk lade.
(Mannheimer Morgen 7.9.1989, o. S.)


Um einfacher von den verschiedenen Dimension der Propositionsspezifikation sprechen zu können, führen wir die folgenden Bezeichnungskonventionen ein.

Zeitspezifikation ist dabei nicht so zu verstehen, als werde dabei ganz allgemein eine Spezifikation in der Dimension der Zeit vorgenommen. Was hier als Zeitspezifikation bezeichnet wird, erschöpft keineswegs alles, was im Hinblick auf diese Dimension bestimmt werden kann. Auch die Geltungsspezifikationen der Dauer und der Häufigkeit können als Spezifikationen im Rahmen der Zeitdimension aufgefasst werden, denn sowohl Dauer als auch Häufigkeit setzen Zeit voraus. Eine Zeitspezifikation im hier gemeinten Sinn dient allein einer Positionierung auf dem Zeitstrahl.

Zeitspezifikation

Jedenfalls nahm der Verkehr auf den Straßen Santiagos gegen Nachmittag deutlich ab.
(die tageszeitung 6.9.1986, 7)

Ortsspezifikation

An der andern Seite, hinter der angesehenen Bürgersfrau, sieht man ihre Magd einen wohlgeflochtenen, mit Marktwaren schon einigermaßen versehenen Korb tragen.
(Goethe, "Tag- und Jahreshefte", Hamburger Ausgabe 10, 481)

Typische Propositionsspezifikationen exemplifizieren die markierten Phrasen in diesen kommunikativen Minimaleinheiten.

Umstandsspezifikation

Bei einer Bezahlung der Rechnung durch Wechsel entfällt daher im allgemeinen der Anspruch auf den Skonto-Abzug.
(Mannheimer Morgen 21.2.87, 24)

Die verschiedenen Dimensionen der Propositionsspezifikation sind weitgehend voneinander unabhängig, das heißt, eine Spezifikation in einer Dimension kann in der Regel ohne Rücksicht auf eine Spezifikation in einer anderen Dimension durchgeführt werden. Es kann allerdings zu Interferenzen zwischen Propositionsspezifikationen und Geltungsspezifikationen kommen.

Genauere Betrachtung verdienen die Verhältnisse innerhalb einer Dimension. Wie die folgenden Beispiele zeigen, lassen sich mehrere Spezifikationen gleicher Dimension manchmal in einer Proposition verbinden.

Sie geht [in Berlin] [in Lichterfelde] zur Schule.
[Morgen] komme ich [so gegen Abend].

Manchmal lassen sie sich auch nicht verbinden. Wenn die Ortsbezeichnungen des folgenden Beispiels auf die Orte bezogen werden, die diese Namen führen, ergibt sich eine Proposition, die aus sachlichen Gründen nicht nur nicht zutrifft, sondern nicht einmal zutreffen könnte, da diese Orte nicht in einer Teil-Ganzes-Beziehung zueinander stehen.

Einkaufen gehen wir immer [in Böblingen] [in Sindelfingen].

Mit den Beispielen sollte deutlich werden, dass in die Entscheidung über die Verträglichkeit zweier gleichartiger Propositionsspezifikationen wesentlich auch Wissen über die Welt eingeht. Da solches Wissen nicht Gegenstand einer Grammatik sein kann, sind entsprechende Entscheidungen letztlich nicht auf der Grundlage der Grammatik zu treffen. Die Grammatik kann lediglich die Prinzipien herausarbeiten, nach denen solche Entscheidungen herbeizuführen sind.

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 18.10.2011 09:39.