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Schlagwörter: Prädikat => Schlagwortwolke/Tag Cloud Detailtext

Prädikat

Begriffsbestimmung

Der Begriff des Prädikats ist im Lauf seiner langen Geschichte immer wieder verschieden gefasst worden, deshalb hier eine kurze Klärung der in dieser Grammatik zugrunde gelegten Verwendungsweise von Prädikat.

Von Prädikaten ist in weiterem und engerem Sinn die Rede. In weiterem Sinn sind alle semantischen Funktionseinheiten als Prädikate zu verstehen, die über ein Charakterisierungspotential verfügen, also insbesondere die Denotate von Substantiven, Adjektiven und Verben. In engerem Sinn werden lediglich die zentralen Charakterisierungseinheiten von Propositionen als Prädikate betrachtet.

Hier ist Prädikat stets in engerem Sinn zu verstehen, sofern nicht ausdrücklich der weitere Sinn in Anspruch genommen wird.

Prädikate - in weitem wie engem Sinn - gehören damit der semantischen Sphäre des Diktums an, nicht der syntaktischen Sphäre des sprachlichen Ausdrucks. Auch wenn sie über ihren sprachlichen Ausdruck - bezeichnet als Prädikatsausdruck - zu identifizieren sind, dürfen sie nicht mit diesem identifiziert werden.

Prädikate als semantische Einheiten haben Strukturen, die nicht immer und unmittelbar aus den Strukturen der Ausdrücke hergeleitet werden können, mit denen sie realisiert werden. So kann es sein, dass der Ausdruck eines Prädikats komplex gebaut ist, während das so artikulierte Prädikat semantisch als elementar zu werten ist.

Die Forderung der Grünen nach Kündigung aller Wirtschaftsabkommen mit dem Iran wurde abgelehnt
(die tageszeitung 24.2.1989, 12)

Wie sich im nachhinein herausstellte, lag dem eine fehlerhafte Berechnung zugrunde, denn tatsächlich waren es weniger als vier Prozent.
(die tageszeitung 26.11.1992, 11)

Den Stein ins Rollen gebracht hatte die Veröffentlichung eines anonymen Schreibens, dem Kopien einer Vereinbarung zwischen dem NPD-Vorsitzenden Mußgnug und DVU-Chef Frey beigelegt waren.
(die tageszeitung 19.8.1988, 5)

Was als Prädikat gelten soll, muss von den Aufgaben her bestimmt werden, die Prädikate beim Zusammenstellen von Propositionen zu erfüllen haben. Was als Ausdruck eines Prädikats zu gelten hat, ist auf der Grundlage dieser Aufgabenbestimmung durch syntaktische Analysen zu bestimmen.

Die sorgfältigste Unterscheidung von Prädikat und Prädikatsausdruck enthebt nicht der Schwierigkeit, beim Reden über Prädikate solche Ausdrücke zu gebrauchen, die die Form infiniter Verbalkomplexe haben oder im Rahmen kommunikativer Minimaleinheiten auch die Form finiter Verbalkomplexe. Man zeigt dabei auf den Ausdruck und meint das Prädikat. Um dieses Zeigen nicht durch ständige Hinweise auf die Unterscheidung von Prädikatsausdruck und Prädikat zu komplizieren, wird, wo dies ohne Irreführung möglich scheint, einfach auf einen Prädikatsausdruck verwiesen und erwartet, dass er nicht als Ausdruck gesehen wird, sondern als Prädikat. So wird etwa gesagt, in dem Diktum, die Akropolis ist sehr alt, sei sehr alt das Prädikat, und das heißt dann nicht, dass von einem Prädikatsausdruck die Rede ist.

Assertion und Prädikation

Als Komponenten von Propositionen sind Prädikate keine unmittelbaren Bestandteile von Dikta und erfüllen als solche Aufgaben, die sich nur mittelbar aus den Notwendigkeiten einer Verständigung herleiten lassen. Dies wird verkannt, wenn davon die Rede ist, das Prädikat sei das, was einem Gegenstand zugesprochen bzw. von ihm ausgesagt werde. Denn damit würde auf Aussagen mit Prädikation kurzgeschlossen, ein Fehler, der offenbar bereits bei der Namensgebung des Prädikats Pate gestanden hat, denn Prädikat heißt das Ausgesagte. Auch die in einschlägigen Grammatiken zum Teil gebräuchliche Bezeichnung Satzaussage weist in diese Richtung.

Der Kurzschluss erweist sich als misslich: Wird als Prädikat definiert, was vom Satzgegenstand ausgesagt oder ihm zugesprochen wird, bleibt das Prädikat auf Aussagesätze beschränkt, und man hat das Problem, zum Beispiel für Fragesätze oder Wunschsätze eigene Kategorien, etwa ein Interrogat und ein Optat, zu erfinden. Das Problem wird vermieden, wenn man sich darauf besinnt, dass Propositionen nicht schon die Anerkennung ihres Zutreffens einschließen, denn als Entwürfe eignen sich Propositionen und damit auch Prädikate nicht nur zur Bildung von Assertionen.

Nach Ausblendung des Aussage-Charakters sollte alles, was der Aussage ausdrucksseitig entspricht, aus dem Propositionsausdruck entfernt sein, denn die Aussage ist dem Modus dicendi zuzurechnen, nicht der Proposition. Im Deutschen gibt es aber - wie übrigens in allen gewachsenen Sprachen - keinen eigenständigen Ausdruck für den Aussage-Modus, also keinen Behauptungsstrich, wie ihn Gottlob Frege für formale Sprachen vorgeschlagen hat. Man kann nicht einfach entsprechende Ausdrucksmittel im Satz unterdrücken, um bloße Propositionen auszudrücken.

Ein Aussage-Modus wird zum Ausdruck gebracht mit dem Verbalmorphem und mit Stellungs- und Intonationskonventionen, die auch weitere Funktionen erfüllen können. Die theoretisch klare Unterscheidung von Aussage und Prädikation kann deshalb im Ausdruck nicht mit gleicher Schärfe nachvollzogen werden. Will man Propositionen und Prädikate präsentieren, muss man sich mit kunstsprachlichen Ausdrücken behelfen oder bereit sein, bestimmte Funktionen wegzudenken.

Erscheint das Prädikat als Träger der Satzaussage, bleibt verborgen, dass die Organisation von Sachverhalten nicht in der Natur von Kommunikationsproblemen begründet ist. Die Welt, in der wir uns zu verständigen suchen, zerfällt keineswegs vorgängig in Gegenstände und Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben können. Das wird deutlich, wenn man grafische Darstellungen von Sachverhalten mit ihren sprachlichen Beschreibungen vergleicht: Ein bellender Hund ist im Bild eine unauflösbare Einheit. In der sprachlichen Darstellung wird diese Einheit in zwei Komponenten getrennt, und dies ist ihr spezifischer Beitrag zur Lösung des Problems, sich in einer gemeinsamen Welt über unfassbar viele Dinge zu verständigen.

Die Annahme einer naturhaften Struktur von Sachverhaltsentwürfen verstellt den Blick auf die tatsächliche Leistung von Prädikaten beim Entwerfen von Sachverhalten. Diese Leistung versteht sich nicht so einfach von selbst, wie eine oberflächliche Analyse vermuten lassen könnte.

Charakterisierung als Aufgabe von Prädikaten

Prädikate kommen so ins Spiel: Sprachliche Sachverhaltsentwürfe werden - anders als graphische Entwürfe - als Charakterisierungen realisiert. Charakterisierungen bestehen in der Anwendung eines Charakteristikums auf das, was charakterisiert wird. Für das Zustandekommen eines Sachverhaltsentwurfs sind mithin zwei Komponenten unabdingbar: ein Charakteristikum und ein Gegenstand der Charakterisierung.

Hier sind nun die Komponenten von Sachverhaltsentwürfen zu untersuchen: die Charakteristika. Diese Charakteristika findet man nicht in der Natur vor. Sie sind genuin sprachliche Phänomene. Sie existieren in Form jener Komponenten von Dikta, die als Prädikate verstanden werden.

Die Leistung der Charakteristika bzw. der Prädikate besteht darin, Klassifikationsmöglichkeiten bereitzustellen. Man kann sich das wie eine Weinprämierung vorstellen, bei der ja auch bestimmte Prädikate zum Einsatz kommen. Auch Prädikate wie Qualitätswein, Kabinett, Auslese, Spätlese, Beerenauslese sind vorab definiert für bestimmte Qualitätsansprüche. Analog dazu müssen Prädikate die Bedingungen bestimmen, die erfüllt sein müssen, damit ein Gegenstand zu Recht als ein solcher klassifiziert werden kann, der diese Bedingungen erfüllt. Wenn zum Beispiel die kommunikative Minimaleinheit

Peter ist rothaarig.

dazu gebraucht wird, eine Behauptung aufzustellen, dann artikuliert dabei das Prädikat ist rothaarig die Bedingung, unter der die über Peter gemachte Behauptung wahr wäre. Das Beispiel ist nicht so zu verstehen, als wären Prädikate damit doch nur mit Bezug auf Assertive definiert. Als Bestimmung von Wahrheitsbedingungen sind sie zugleich qualifiziert für eine bloße Veranschaulichung eines Sachverhalts, über dessen Bestehen dabei gar nicht befunden werden muss. So wird mit dem folgenden Wunsch ein Sachverhalt entworfen, der Peter als Rothaarigen vorstellt, ohne dass dies damit behauptet würde.

Wenn Peter doch rothaarig wäre!

Die Deutung von Prädikaten als Bestimmung von Wahrheitsbedingungen ergibt sich zwingend aus ihrer Charakterisierungsfunktion: Charakterisierung basiert auf der Möglichkeit, wahre oder falsche Behauptungen aufzustellen. Die Leistung der Charakterisierung und damit auch die Leistung von Prädikaten kann nur mit Blick auf die Wahrheitsfähigkeit von Propositionen expliziert werden.

Siehe weiter

Was Prädikate zu Prädikaten macht
Identifikation von Prädikaten
Eigenschaften minimaler Prädikate
Was kann prädiziert werden?
Elementare Prädikate
Komplexe Prädikate
Hinsichten einer Charakterisierung durch Prädikate

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 10.10.2011 07:38.