grammis 2.0

das grammatische informationssystem des instituts für deutsche sprache (ids)
                                                                                             
Korpusgrammatik Grammatik in
Fragen und Antworten
Systematische
Grammatik
Grammatische
Fachbegriffe
Grammatisches
Wörterbuch
Grammatische
Bibliografie
                                                                             
                                   
Ausdruckskategorien und Ausdrucksformen Syntagmatische Beziehungen Paradigmatische Beziehungen Kommunikativ-funktionale Sicht Ressource: KonnektorenDB

[Impressum] [Datenschutzerklärung]

                                                                           
Schlagwörter: Satzmodus => Schlagwortwolke/Tag Cloud Detailtext

Exklamativmodus

Exklamativsätze zeichnen sich durch eine besondere Bandbreite an sprachlichen Mitteln aus. Als spezielle aufbauende Exklamativ-Formelemente betrachten wir

Exklamativ-Formelemente nicht obligatorischer Exklamativakzent,
spezifische Partikeln (vielleicht, aber, auch sowie eingeschränkt doch und ja),
sprachliche Mittel, die geeignet sind, den besonderen Funktionstyp des Exklamativ- Modus zum Ausdruck zu bringen.

Den Funktionstyp des Exklamativmodus kennzeichnet allgemein eine Erwartungsabweichung bezüglich eines als gegeben betrachteten Sachverhalts.

Die Abweichung kann sich auf zwei Aspekte des Sachverhalts beziehen:

  • auf den Umstand, dass er überhaupt besteht,
  • auf den Wert oder Grad, der diesem Sachverhalt auf einer Skala erwartbarer Sachverhalte zukommt.

Im ersten Fall liegt ein so genannter Fakt-Exklamativ vor:

Die singt vielleicht schön.
| |
ARG PRÄD

Im zweiten Fall liegt ein ein Grad-Exklamativ vor:

Hat der seinem Chef einen bösen Blick zugeworfen.
| |
ARG PRÄD

Im dritten Fall ist semantisch eine herausgehobene Relation zwischen graduierbarem Prädikat und Argument charakteristisch:

Hat der ein altes Haus gekauft.
| |
-- ARG PRÄD

Man kann Ausdrücke für nicht hervorgehobene Argumente als Teil komplexer Prädikatsausdrücke betrachten, etwa: seinem Chef einen bösen Blick zuwerfen, ein altes Haus kaufen. Dabei hat der hervorgehobene Argumentausdruck Verweischarakter und wird häufig mit deiktischen Mitteln realisiert. Prädikatsausdruck und hervorgehobener Argumentausdruck stellen die beiden möglichen Träger des Exklamativakzentes - sowie eines hinzutretenden weiteren Gewichtungsakzentes.

Die Graduierung des Prädikates wird nicht immer eigens ausgedrückt. Sie muss dann aus dem Verwendungszusammenhang oder dem Hintergrundwissen erschlossen werden.

Beispiel

Jonas zeigt Fabian dieses Bild von Kaiser Wilhelm II:

Darauf Fabian:

"Hat der aber einen Bart!

Hier ist situations- und wissensabhängig eine Graduierung in Dimensionen wie Länge oder Schönheit anzunehmen, also etwa, dass es sich aus Sicht des Sprechers um einen ungewöhnlichen Bart handelt.

Formtypen des Exklamativmodus

Hier Formtypen des Exklamativmodus im Hinblick auf semantische Typen und zugrundeliegende Satztypen:

Verbzweit-Exklamativsätze
Verberst-Exklamativsätze
Verbletzt-Exklamativsätze mit einleitendem dass
Exklamativsätze mit W-Phrasen [Verbzweit-Typ]
Verbletzt-Typen

Der Formtyp von W-Exklamativsätzen ist schwer einzuschätzen. Als Ausgangspunkt bieten sich Verbletzt-Typen an. Hier handelt es sich eindeutig um selbständige Varianten propositionsfundierter Komplementsätze mit W-Elementen. Insbesondere bei Verben wie sich wundern, staunen und bestimmten Verwendungen von glauben (Du glaubst gar nicht, ...) kommen W-Sätze vor, die einer Verbindung von dass mit deiktischem so oder D-Element entsprechen. Genau diese Verwendungsweise liegt hier verselbständigt vor. Die Parallele macht deutlich: Wie ist in diesen Sätzen im Sinn von wie sehr, in welchem Maße zu verstehen, nicht im Sinn von auf welche Weise. Siehe hierzu Fries und Rosengren.

Du glaubst gar nicht, wen ich dort (alles) getroffen habe. Du glaubst gar nicht, dass ich so jemanden dort getroffen habe.
Sie glauben gar nicht, wie dreist die Leute sind.
(Frankfurter Rundschau 11.7.1997, 3)
Sie glauben gar nicht, wie sehr die Leute dreist sind.

Auch die Distanzstellung von wie wird über die Parallele zu dass erklärbar: Bei entsprechenden dass + so -Sätzen liegt auch ein Verbletzt-Einleitungselement vor, das sich in Distanz zur graduierten oder quantifizierten Phrase mit so befindet. Beim mit wie austauschbaren was, bei dem man eine idiosynkratische Entwicklung annehmen muss, ist Distanzstellung obligatorisch.

Verbzweit-Sätze sind verglichen mit Verbletzt-Typen weniger präferiert. Ohne exklamative Dehnung und verstärkende Partikel alles - oft verbunden mit Negation - werden Sätze wie Was hat der gemacht nicht exklamativ interpretiert. Nur bei wie/ was und was für ein ist ein Verbzweit-Exklamativ ohne (nicht) alles üblich. Offenbar sind Verbzweit-W-Sätze gegenüber den genannten Verbletztvarianten sekundär. Man leitet sie nicht aus zugrunde liegenden Fragesätzen ab, sondern bezieht sie auf die Verbletztsätze.

Fazit

Der Exklamativmodus weist selbständige Verbletzttypen auf, die einen als gegeben betrachteten Sachverhalt bezeichnen (dass (+ so) - Typen), zum anderen aber Formtypen, die auf dem Aussagesatztyp aufbauen. Diese Analyse stimmt zu dem Funktionstyp des Exklamativmodus, bei dem ja ausgehend von repräsentativem Wissen eine bestimmte Einschätzung dieses Wissens erzeugt wird.

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 18.08.2017 11:58.