grammis 2.0
das grammatische informationssystem des instituts für deutsche sprache (ids)
                                                                                              Mitarbeiter Literatur
Korpusgrammatik Grammatik in
Fragen und Antworten
Systematische
Grammatik
Grammatische
Fachbegriffe
Grammatisches
Wörterbuch
Grammatische
Bibliografie
                                                                             
                                   
Datenbasis für Untersuchungen zur grammatischen Variabilität im Standarddeutschen Statistische Methoden der Korpusgrammatik Verlässlichkeit grammatischer Annotationen Vorhersage von Fugenelementen in nominalen Komposita Variation der starken Genitivmarkierung AcI-Konstruktionen und Wie-Komplementsätze Ressource: GenitivDB

[Impressum] [Datenschutzerklärung]

                                                                           
Schlagwörter: Genitiv Nomen Suffix Wortbildung

Vergleich bisheriger Forschungsansätze

Neben der Dudengrammatik (2009) und dem Zweifelsfälle-Duden (2007) werden hier exemplarisch drei Spezialstudien zur -s/-es-Variation herangezogen: die breit angelegten korpusbezogenen Untersuchungen Szczepaniaks (2010) und Fehringers (2011) sowie die etwas ältere Untersuchung von Pfeffer/Morrison (1979, 1984), die auf der Analyse von Korpora zum sog. „Grunddeutsch“ basiert. In allen diesen Darstellungen werden Bereiche invarianter Genitivnomen ausgemacht, die sich weitgehend decken1. Dabei geht es in erster Linie um Zuordnungen, die durch phonologische und morphologische Faktoren (vgl. Faktor 2, 9, 10 in Tabelle 1) bestimmt sind:

Anmerkung 1 (Abschnitt ein-/ausblenden)

Szczepaniak (2010: 108f.) und Fehringer (2011. 92f.) stützen sich in diesem Punkt auf ältere Ausgaben der Dudengrammatik

  • Nomen des Grundwortschatzes, die auf einen s-Laut enden -> -es (z. B. Hauses)
  • Nomen mit einem speziellen das Schwa enthaltenden Endreim wie -en, -em, -el, -er -> -s (z. B. Gartens)
  • Nomen mit einem speziellen (unbetonten) Endreim bzw. Suffix wie -ich, -ig, -lein, -(l)ing -> -s (z. B. Kehrichts)

Etwas weiter in der phonologischen bzw. prosodischen Spezifikation gehen lediglich Pfeffer und Morrison, die in ihrer gezielt präskriptiven Beschreibung die Invarianz außer in oben genannten Fällen bei folgenden zwei Nomengruppen postulieren:

  • Nomen auf -ch, -ff, -ll, -mm, -nn, -tt, -zt, -sch, -st -> -es (z. B. Schiffes)
  • mehrsilbige Nomen auf einen unbetonten Vokal -> -s (z. B. Kinos, Auges)2

Anmerkung 2 (Abschnitt ein-/ausblenden)

Pfeffer/Morrison (1979: 17) führen bei der endgültigen Regelformulierung als Beispiel nur Kinos an, was aber keine Einschränkung auf Fremdwörter bedeutet. In den die Regelformulierung vorbereitenden Ausführungen erscheinen auch Genitive nativer Nomen wie Auge oder Gebilde (s. Pfeffer/Morrison 1979: 12, 16).

Die erste Gruppe bringt in einer graphemisch orientierten Darstellung Nomen zusammen, deren Einstufung bei anderen Autoren von leicht schwankend (Nomen auf -sch oder -st) bis deutlich variierend (Nomen auf Doppelkonsonant -ff, -ll etc.) reicht. Die zweite Gruppe bilden Nomen, die von anderen Autoren nicht speziell hervorgehoben werden.

Darüber hinaus werden in der Dudengrammatik und dem Zweifelsfälle-Duden spezielle Nomenklassen thematisiert, die als Endung nur -s erlaubten, daneben aber auch die Weglassung der Endung zuließen, wie:

  • Farb- und Sprachbezeichnungen, feste Wendungen sowie (nur in der Dudengrammatik) Gelegenheits-/Zitatssubstantivierungen, zitierte Einzelbuchstaben und Kurzwörter (sofern sie überhaupt eine Markierung tragen) -> -s

Die Bereiche, in denen Endungsvariation zwar vorliegt, aber nur als gering eingeschätzt wird, sind durch die Endung -s dominiert. Zu nahezu invarianten Nomen, die -s präferieren, gehören nach der Communis Opinio Nomen, die auf einen Vokal enden, sowie Sonderwortschätze wie Eigennamen und Fremdwörter; im Falle der Sonderwortschätze verschiebt sich der Schwerpunkt der Variation offensichtlich von der Wahl zwischen zwei Endungen auf die Wahl zwischen der Endung -s und der Endungslosigkeit (dazu Kapitel 3). Daneben werden als nahezu invariant in der Regel die -es präferierenden nativen Nomen auf -sch, -st betrachtet, die von Pfeffer und Morrison (1979) dem gänzlich invarianten Bereich zugeschlagen wurden (vgl. oben).

Deutliche Unterschiede zeigen die gesichteten Darstellungen hinsichtlich der Behandlung der varianten Nomen des Grundwortschatzes, die auf Konsonanten enden. Zwar wird die Endung -s in der Dudengrammatik (2009: 195) und bei Szczepaniak (2010) als der Normalfall im heutigen Deutsch angesehen, jedoch erscheinen immer wieder Faktoren wie 5-18 oder 29-31 aus Tabelle zu Faktoren der Genitivmarkierungsvariation als unentbehrlich, um die Feinheiten der Endungswahl zu erklären. Die Parameter sind zahlreich und werden in den Quellen meist linear abgehandelt, sodass sich Hierarchisierungen und die möglichen Unterschiede zwischen den Darstellungen dem Leser nicht auf Anhieb erschließen. Die einzelnen Beschreibungen werden daher im Folgenden soweit möglich in Entscheidungsbäume übersetzt, um angelegte Abhängigkeiten zwischen Faktoren transparenter und die Darstellungen untereinander vergleichbar zu machen.

In der aktuellen Dudengrammatik (2009) wird nur ein relativ allgemeines Bild entworfen (siehe Abbildung 1) mit dem Hinweis: „Feinere Regeln lassen sich teilweise nur schwer geben“ (S. 198).

Abb. 1: Variierende Grundwortschatz-Nomina auf Konsonant in Duden 4 (2009)


Bereits 1979 waren Pfeffer und Morrison trotzdem weiter gegangen, indem sie in ihrer Darstellung auch die Faktoren ‚Konsonantengruppe‘ und ‚Vokallänge‘ berücksichtigten (vgl. Abbildung 2).

Abb. 2: Variierende Grundwortschatz-Nomina auf Konsonant bei Pfeffer/Morrison (1979, 1984)


Im Zweifelsfälle-Duden von 2007 spielt der Faktor ‚Vokallänge‘ wieder keine Rolle. Die Darstellung ist mit jener der Dudengrammatik kompatibel und wirkt wie eine etwas weiter gehende Aufarbeitung (man vergleiche die grün gefärbten Knoten von Abbildung 3 mit der Abbildung 1). Angesichts der oben zitierten Bemerkung der Dudengrammatik fragt man sich aber, wie stark die Wirkung der Faktoren ist, die zu jenen aus Abbildung 1 hinzukommen.

Abb. 3: Variierende Grundwortschatz-Nomen auf Konsonant in Duden 9


Ausführlicher geht Szczepaniak (2010) zu Werke (siehe Abbildung 4): Anders als die Dudengrammatik und der Zweifelsfälle-Duden strukturiert sie ihre Beschreibung nicht zuerst nach ‚Silbenanzahl‘, sondern nach einem neuen Parameter, ‚morphologische Struktur‘. Im Bereich ‚Einsilber’ ist ihre Darstellung trotzdem mit der Darstellung von Duden 9 kompatibel (man vergleiche die grün gefärbten Knoten der Abbildung 4 mit der Abbildung 3) und wirkt teilweise wie deren Erweiterung.

[Bild anzeigen]

Abb. 4: Variierende Grundwortschatz-Nomen auf Konsonant bei Szczepaniak (2010)


Auch im Bereich der mehrsilbigen Nomen (einschl. komplexer Wörter) sind die beiden Darstellungen prinzipiell miteinander vereinbar, jedoch verschiebt sich bei Szczepaniak der Fokus vom Faktor ‚Endsilbenbetonung‘ zur Betrachtung der Affixbetonung und der genaueren Berücksichtigung der Wortbildung. Neu sind bei ihr der Faktor 'phonologische Komplexität' mit Ausprägungen ‚ein phonologisches Wort‘ und ‚mehrere phonologische Wörter‘ (rot gekennzeichnet), der den Bereich komplexes Wort gliedert, sowie der Faktor 'konsonantische Stärke‘ (des Auslauts)' (in Abbildung 4 teilweise als 'Endkonsonanz'), der an mehreren Stellen im System wirksam werde, wenn Spezialfaktoren aus den Bereichen Silbenanzahl und Betonung keinen Ausschlag geben.

Fehringer (2011) geht wiederum von der Betrachtung der Silbenanzahl aus, siehe Abbildung 5. Ihre Darstellung gerät aber deutlich anders als die Szczepaniaks (die wichtigsten Unterschiede sind in Abbildung 5 rot gekennzeichnet). Im Bereich der Simplizia sind sich die beiden Darstellungen noch relativ ähnlich, außer dass

  • bei Fehringer bei Einsilbern der entscheidende Faktor ‚Frequenz‘ hinzukommt und
  • laut Fehringer (2011: 95) ein kurzer Vokal vor einem Konsonant am Nomenende wie in Stoff zur Präferenz von -es führt (hierbei stützt sie sich auf Pfeffer/Morrison 1979), während laut Szczepaniak (2010: 112) im Gegenwartsdeutschen die Vokallänge mit der Endungswahl nicht korreliert, wobei kurze Vokale öfter weniger -es Fälle bewirken als lange.

Bei Einsilbern führt Fehringer auch den Faktor ‚Sonorität‘ ein, der eine Umkehrung der konsonantischen Stärke Szczepaniaks darstellt. Eine Möglichkeit einer (satz-)prosodischen Erklärung der Endungsvariation schließt sie in diesem Bereich übrigens explizit aus (Fehringer 2011: 98).

[Bild anzeigen]

Abb. 5: Variierende Grundwortschatz-Nomen auf Konsonant bei Fehringer (2011)


Im Bereich der Mehrsilber fokussiert Fehringer komplexe Wörter, deren Endsilbe nicht betont ist. Sie zieht hier nicht mehr den bei Einsilbern postulierten Faktor ‚Sonorität‘ heran und lässt auch Unterschiede der Wortbildungs- und Betonungsstruktur beiseite, um allein auf ‚semantische Transparenz‘ zu setzen. Diese kann den Einfluss des Grundwortes auf das komplexe Wort ermöglichen, sodass die bei Mehrsilbern allgemein wirksame Tendenz zu -s u. U. überschrieben wird. Der Faktor ‚semantische Transparenz‘ kann als Umkehrung des Faktors ‚Lexikalisierung‘ gesehen werden, deren Wirkung schon Szczepaniak vermutet hat, – dies allerdings nur ganz am Rande ihrer Ausführungen zu komplexen Wörtern.

Die Endsilbenbetonung taucht nur im Beitrag Szczepaniaks nicht als selbständiger Faktor auf. Dies mag u. U. daran liegen, dass sich die Autorin auf Unterschiede zwischen verschiedenen morphologischen Strukturen und vor allem auf den Nachweis der Relevanz des Faktors ‚phonologische Komplexität‘ konzentriert. Der Entscheidungsbaum, mit dem ursprünglich die Auffassungen Szczepaniaks modelliert wurden (vgl. Abbildung 4), wird in Abbildung 6 in folgender Weise modifiziert:

  • Der ursprünglich am Ausgangspunkt stehende Faktor ‚morphologische Struktur‘ wird durch den Faktor ‚Silbenanzahl‘ ersetzt.
  • Auf den Faktor ‚phonologische Komplexität‘ und sich durch ihn ergebende Gruppierungen wird verzichtet; – dafür wird der Faktor ‚Endsilbenbetonung‘ berücksichtigt, der in den anderen Quellen eine zentrale Rolle spielt.

[Bild anzeigen]

Abb. 6: Modifizierter Entscheidungsbaum zu Daten Szczepaniaks (2011)3

Anmerkung 3 (Abschnitt ein-/ausblenden)

Gestrichelt umrandete Kästchen enthalten Kategorien aus Abbildung 4, die in dem in Abbildung 6 illustrierten Modell eigentlich entfallen.

Das Ergebnis ist ein Modell, das mit den Aussagen der anderen Quellen kompatibler ist als das Modell aus Abbildung 4. Der neue Entscheidungsbaum erklärt Szczepaniaks Daten ebenfalls lückenlos (die terminalen Knoten und die Beispielgruppierungen sind die gleichen). Durch Verschiebung des Faktors ‚Silbenanzahl‘ und Auftrennung des Knotens ‚ein phonologisches Wort‘ ist in Abbildung 6 zusätzlich sogar eine solche Anordnung der Baumäste möglich, dass die Tendenz zu -s von links nach rechts ansteigt, und zwar deutlich konsistenter als in Abbildung 4 weiter oben. Wohlgemerkt, Szczepaniak (2010: 124) versucht, morphologische und phonologische Strukturaspekte in eine Reihenfolge zu bringen, die dem Ansteigen der Tendenz zu -s entspricht. In Abbildung 4 spiegelt die Anordnung der Äste von links nach rechts diesen Versuch.

Die in diesem Kapitel verwendete Präsentationsform der Variationsfaktoren in Entscheidungsbäumen soll keineswegs suggerieren, dass die Faktoren ausnahmslose Lösungen herbeiführen. Sie zeigt immer nur mehr oder weniger starke Präferenzen an. Diese Präferenzen können theoretisch bei jedem Lexem vorliegen, das die Voraussetzungen für die Wirksamkeit des Faktors erfüllt, d. h. eine spezifische morphologische, lautliche oder prosodische Form zeigt. Insgesamt, dies legen alle zitierten Darstellungen nahe, macht sich ein Faktor bei der Gesamtheit der unter ihn fallenden Nomen bemerkbar. Die Faktoren sind somit prinzipiell lexemunabhängig konzipiert. Typische Formulierungen lauten: „Die lange Endung -es überwiegt bei Substantiven auf -sch, -tch und -st […].“ (Duden (4) 2009:197) oder „-s occurs after unstressed syllables containing schwa […]“ (Fehringer 2011:92).

Allerdings spricht Fehringer (2011: 98) auch von „lexically conditioned preferences“. Somit könnten die Präferenzen als idiosynkratisch aufgefasst werden. Fehringer meint dabei aber nicht, dass sie zufällig von Nomen zu Nomen variieren. Die „Idiosynkrasie“ werde von der Frequenz bedingt, d. h.: Bei häufigen Nomen gebe es klare phonologisch bedingte Tendenzen wie etwa ‚Konsonantengruppe am Nomenende führt zu -es‘; bei seltenen Nomen ist die Variation dagegen „freier“. Für Fehringer folgt daraus, dass Genitive häufiger Nomen im mentalen Lexikon als ganze Formen gespeichert sind.

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 30.09.2014 17:00.