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[Text im Vollbild]    [E-VALBU]

schreien

Aussprache:'schreien
Stammformen: schreit - schrie - hat geschrie(e)n
Konjugationsmuster: stark
Generelle Anmerkungen:

schreien kann auch in einer Reflexivkonstruktion sich irgendwie schreien i.S.v. ‘so lange schreien, bis ein Zustand erreicht ist’ verwendet werden:  
(1) Eine alte, böse Frau schreit sich heiser. (Zeit, 25.04.1986, S. 57)
(2) Ein Vater schreit sich in Rage. (St. Galler Tagblatt, 06.04.2009, S. 27)

  
1 schreien unartikulierte Laute von sich geben
2 schreien nach/um verlangen, dass jemand kommt, dass etwas gebracht wird
3 schreienetwas äußern
4 schreienetwas irgendwohin äußern
5 schreien nach etwas fordern
6 schreien nachetwas dringend erforderlich machen
7 schreien umum jemanden/etwas trauern

1 schreien

Strukturbeispiel:jemand schreit
Im Sinne von:jemand gibt unartikulierte Laute großer Lautstärke von sich
Satzbauplan:Ksub
Beispiele:
(3) Das Kind schrie, weil es Ohrenweh hatte.
(4) Hast du schon gehört, wie laut Affen schreien können?
(5) Ich schrie auch nicht selbst, es schrie, es war eine heilige Ekstase der Schmerzen. (Th. Mann, Betrogene, S. 27)
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Passivkonstruktionen: Werden-Passiv: nur unpersönlich

werden:
(6) Plötzlich wurde in der Ferne mehrmals geschrien, dann war es wieder still.
Anmerkungen:

Mit einer AdjP kann die Lautstärke charakterisiert werden:
(7) Der haarige Vierbeiner begann in der Nacht auf Samstag dermaßen laut vor dem Schlafzimmer zu schreien, dass die 70-Jährigen aufwachten und im letzten Moment aus dem bereits brennenden Haus flüchten konnten. (Kleine Zeitung, 14.01.2000; Rüstig und haarig)

Mit einer PräpP [aus +Dat/vor +Dat/...] kann auf die Ursache Bezug genommen werden:  
(8) Man muss ja vor Freude und vor Schmerz schreien können – warum nicht auch aus Wahnsinn? (Zeit, 11.01.1985, S. 34)

Der Stimmaufwand kann mit dem Ausdruck [ugs] schreien wie am Spieß i.S.v. ‘vor Angst, Schmerz sehr laut schreien’.

2 schreien nach/um

Strukturbeispiel:jemand/etwas schreit nach jemandem/etwas bzw. um etwas
Im Sinne von:jemand/etwas verlangt mit lauter, schriller Stimme, dass jemand kommt, etwas gebracht wird, oder dass man etwas bekommt
Satzbauplan:Ksub , Kprp
Beispiele:
(9) Hat da nicht eben jemand nach der Polizei geschrien?
(10) Die Weideflächen sind überschwemmt, das Vieh in den Ställen schreit nach Futter.
(11) [indirekte Charakterisierung] Aus dem Nebenzimmer schrie eine wütende Stimme nach einer Tasse Tee.
(12) Der Verwundete schrie mit letzter Kraft nach einem Arzt, nach Wasser, aber niemand hörte es.
(13) "Sie wollen nur Gold. Sie winseln um Gold, sie schreien um Gold, sie zerfleischen einander um Gold. (die tageszeitung, 04.01.1993, S. 28)
(14) Sie alle lärmen um die Wette, tanzen vor den Ohren auf und ab wie tosende Karussellmusik, schreien um Gehör wie Losverkäufer und Schausteller. (Die Zeit, 05.04.1996)
(15) An den Fenstern des brennenden Hauses standen Menschen, die verzweifelt um Hilfe schrien.
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Kprp:

      nach +Dat:
(16) Schreit das Baby nach seiner Mutter oder nach dem Fläschchen?

     um +Akk:
(17) Er hat Angst wie wir alle, aber leugnet sie nicht, er ist loyal, hilfsbereit, mitfühlend und lässt eine Fünf auch mal gerade sein, er schreit nicht dauernd um Anerkennung, um Liebe, um Respekt, er will nur so sein wie alle anderen. Ein Kind. (Rhein-Zeitung, 25.08.2001; Harry Potter)
(18) Sie schrie um ein Glas Wasser.

Passivkonstruktionen: Werden-Passiv: nur unpersönlich

werden:
(19) Die Passanten wurden erst aufmerksam, als von einer Zeugin des Unfalls mit gellender Stimme nach einem Arzt geschrien wurde.
Anmerkungen:

Mit einer AdjP oder PräpP [mit +Dat/...] kann die Lautstärke charakterisiert werden:
(20) Die Verletzten riefen gellend nach einem Sanitäter.
(21) Der Senior schrie mit lauter gebieterischer Stimme nach der Schwester.

3 schreien

Strukturbeispiel: jemand/etwas schreit etwas
Im Sinne von: jemand äußert etwas mit lauter, schriller Stimme
Satzbauplan:Ksub , (Kakk)
Beispiele:
(22) Er winkte zu dem rostigen Kahn rüber und schrie etwas. (nach Grass, S. 123)
(23) Der Esel schreit „iah“.
(24) [indirekte Charakterisierung] Die Leute rannten aufgeregt umher, eine Männerstimme schrie unverständliche Worte.
(25) Er stieß das Mikrofon in die Höhe, er schrie, die Stimme brach ihm. (Johnson, S. 16)
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Kakk:

     NP im Akk/ProP im Akk/GWS/Zeichengruppe
(26) Wenn man sich weh getan hat, schreit man unwillkürlich „au“ oder aua“.

     SKakk ohne Korrelat:

           dass-S:   
(27) Mit wütender Stimme schrie der Nachbar, dass er uns wegen ruhestörenden Lärms verklagen werde.

          ob-S: 
(28) Er schrie wütend, ob das unser Ernst sei.

          w-S: 
(29) Ich hob die Hände und schrie noch, was einem einfällt, wenn man sich ergibt. (nach Zeit, 28.12.1984, S. 44)

           HS:   
(30) Angesichts einer kaputten Welt wolle er nur seinen Spaß haben, schrie der Sänger auf Englisch. (nach Mannheimer Morgen, 07.07.1986, S. 24)

          Dirr: 
(31) Das Stadion schrie wie aus einem Mund: „Tor! Tor!“
(32) Da packte sie ihn am Arm, zerrte ihn vor und ihre Stimme schrie: „Weißt du denn nicht, wer das ist?“ (Stern, 15.10.1987, S. 71)

Passivkonstruktionen: Werden-Passiv

werden:
(33) Die Situation eskaliert, wilde Flüche werden geschrien, Fäuste geschwungen, die ersten Tränen fließen.
Anmerkungen:

Der sprachliche Ausdruck kann unterschiedliche syntaktische Ausprägungen haben.

schreien  wird häufig übertreibend mit kritischer Intention verwendet, um eine Äußerung als unangemessen laut zu charakterisieren:  
(34) Schrei nicht so! Das ganze Restaurant kann dich ja hören!
In diesem Fall wird das Kakk selten realisiert.

Der Stimmaufwand kann durch Ausdrücke charakterisiert werden wie [ugs] sich die Kehle/Lunge/Seele aus dem Hals/Leib schreien i.S.v. ‘sehr laut, angestrengt rufen’ und [ugs] aus voller Lunge schreien i.S.v. ‘sehr laut rufen’.

4 schreien

Strukturbeispiel: jemand schreit etwas irgendwohin
Im Sinne von: jemand äußert etwas mit lauter, schriller Stimme irgendwohin
Satzbauplan:Ksub , Kakk , Kadv
Beispiele:
(35) Erbittert und ratlos schrie er Lästerungen gegen den Motorenlärm des Lastwagens. (nach Johnson, S. 165)
(36) [indirekte Charakterisierung] Sie erschrak, als auf einmal eine Männertimme "Hilfe!" in die Dunkelheit schrie.
(37) [indirekte Charakterisierung] Die Frau schrie ihm ihre Verachtung ins Gesicht und nannte ihn einen erbärmlichen Feigling.
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Kakk:

      NP im Akk/ProP im Akk/GWS

     SKakk ohne Korrelat:

           dass-S: 
(38) Der junge Mann schrie durch die Tür, dass man ihn in Ruhe lassen soll.

          w-S:   
(39) Über viele Gesichter liefen Tränen, als der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, sprach: «In solchen Stunden fehlen uns die Worte - vor allem aber fehlen uns Antworten.» Er fügte hinzu: «Es bleibt uns nichts, als in Gottes Ohr hinein zu schreien, was uns in dieser Stunde bewegt.» (dpa, 12.03.2009; Tränen und Fassungslosigkeit)

          ob-S:
(40) Erregt schrie er ins Mikrofon, ob man sich über die Konsequenzen dieser Entscheidung im Klaren sei.

          HS:   
(41) Sie sei unschuldig, hatte die Angeklagte nach der Urteilverkündung in den Saal geschrien.

          Dirr: 
(42) Wütend schrie ein Mann aus dem Fenster: „Ruhe!“

Kadv: Ort (direktivisch)

     in +Akk/...: Zielort
(43) Wenn Sie von Reportern gefragt werden, schreien Sportler meistens ihre Antworten ins Mikrophon.

      aus +Dat: Ausgangsort
(44) Wir hören, wie der Fahrer Beschimpfungen aus dem Auto schreit.

          durch +Akk/über +Akk: Strecke
(45) Die Männer schrien durch die dichte Qualmwand, hofften auf Überlebende. Sie bekamen keine Antwort. (Hamburger Morgenpost, 14.02.2009, S. 63)
(46) "Umschalten. Schneller, schneller", schrie Andersen über den Trainingsplatz. (Die Rheinpfalz, 02.04.2009, S. 11)

Passivkonstruktionen: Werden-Passiv

werden:
(47) Beschimpfungen werden aus den Fenstern in den Hof geschrien.
Anmerkungen:

Wenn nur die Handlung betont wird, kann das Kakk gelegentlich weggelassen werden:
(48) Immer musste er aus dem Fenster schreien und die Menschen auf der Straße beschimpfen.

Pertinenzdativ ist möglich:
(49) Schrei mir nicht so in die Ohren.

5 schreien nach

Strukturbeispiel: jemand schreit nach jemandem/etwas
Im Sinne von: jemand fordert aus einer Emotion heraus jemanden/etwas
Satzbauplan:Ksub , Kprp
Beispiele:
(50) Nun schreien sie wieder nach dem Gesetzgeber. (Zeit, 09.08.1985, S. 1)
(51) Nach dem Terroranschlag schrie die Bevölkerung nach Vergeltung.
(52) Ausserdem schreie die Wirtschaft momentan nach Investitionen der öffentlichen Hand. (St. Galler Tagblatt, 11.03.2009, S. 41)
(53) Denen, die nach einem vereinten Deutschland schreien als einzige Hoffnung auf ein besseres Leben vor ihrem Tode, den Mund zu verbieten, hieße die Geschichte zum Stillstand zwingen wollen. (nach die tageszeitung, 06.02.1990, S. 9)
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Kprp:

     nach +Dat
(54) Wer in solcher Lage Durchhalteparolen ausgibt, verkennt die Tatsachen ebenso wie der, der nach raschem Rückzug schreit. (Deutsche Presseagentur, 28.10.2000)

     SKprp mit obl. Korrelat danach:

           dass-S:
(55) In Zeiten schwerer ökonomischer Krisen schreien bestimmte politische Kreise schnell danach, dass ein so genannter starker Mann endlich Ordnung schaffen müsse.

          Inf-S mit zu:
(56) Kinder schreien danach, von den Eltern geliebt und verstanden zu werden.  

Passivkonstruktionen: Werden-Passiv

werden:
(57) Wenn es schwierig wird, dann wird schnell nach einem "starken Mann" geschrien. Aber wie wird man einen solchen wieder los?

6 schreien nach

Strukturbeispiel: etwas schreit nach etwas
Im Sinne von: etwas macht etwas dringend erforderlich
Satzbauplan:Ksub , Kprp
Beispiele:
(58) Das Haus schreit nach einem frischen Anstrich!
(59) "Das Unglück darf nicht als schrecklicher Schicksalschlag gesehen werden, sondern schreit nach einer rigorosen Kontrolle der Sicherheitsmaßnahmen und der Überprüfung der Waggons", so die Gewerkschaften in einer Mitteilung. (Rhein-Zeitung, 01.07.2009; Explosion)
(60) Unbedingt im Kino ansehen: Dieser Film schreit förmlich nach der großen Leinwand! (Hamburger Morgenpost, 09.04.2009, S. 6)
(61) "Die Studiengänge Betriebswirtschaftslehre, Jura, Medizin und Theologie hat jeder gekannt. Die neuen Strukturen durch den Bachelor und die neuen Namen schreien nach mehr Information.(Nürnberger Zeitung, 09.03.2009, S. 3)
(62) Unsere Ellenbogengesellschaft schreit geradezu nach dem perfekten Arbeitnehmer. (Rhein-Zeitung, 23.02.2009; "Gesellschaftliches Problem")
(63) Kein Wölkchen am strahlend blauen Himmel, das schrie förmlich nach einem ausgedehnten ersten Frühlingsspaziergang. (Rhein-Zeitung, 23.03.2009; Die Sonne rief in den Garten)
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Kprp:

      nach +Dat
(64) Der Zustand des alten Rathauses, das unter Denkmalsschutz steht, schreit nach einer gründlichen Sanierung.

      SKprp mit obl. Korrelat danach:

          dass-S:
(65) Dein Schreibtisch schreit förmlich danach, dass du ihn endlich mal aufräumst.

          Inf-S mit zu:
(66) Krieg und Frieden, Schuld und Sühne, Liebe und Härte: Die Familiengeschichte des mächtigen Stahl-Clans Krupp schrie danach, verfilmt zu werden. (St. Galler Tagblatt, 21.03.2009, S. 48)

Passivkonstruktionen: kein Passiv möglich

7 schreien um

Strukturbeispiel:jemand schreit um jemanden/etwas
Im Sinne von:jemand trauert um jemanden/etwas
Satzbauplan:Ksub , Kprp
Beispiele:
(67) Ein Kinderwagen, zerquetscht zwischen zwei Autos. Die junge Mutter schreit und schreit um ihr Baby. (Neue Kronen-Zeitung, 10.08.1998, S. 10)
(68) Und sie schreit um ihr verlorenes Glück.
Belegungsregeln:

Ksub: NP im Nom/ProP im Nom/GWS

Kprp: um +Akk:
(69) Die Menschen schauen entsetzt auf das zerbombte Dorf und schreien um Ihre Eltern, Kinder, Geschwister, um ihr zerstörtes Leben.

Passivkonstruktionen: kein Passiv möglich

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 15.02.2010 11:40.