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Dem Manne kann geholfen werden — Wann kommt das Dativ-e zum Einsatz?

von Marek Konopka

Für Bruno Strecker
(Dem Freunde zur Erquickung)

Dem Manne kann geholfen werden.

[Karl Moors Schlussworte in der Mannheimer Theaterausgabe von "Die Räuber" (2. Aufl. 1782) nach
Hoffmeister, Karl (Hg.): Supplemente zu Schillers Werken. Stuttgart u. Augsburg: Cotta 1858. Bd. 1, S. 123.]

So werden Karl Moors Schlussworte aus Schillers Drama oft zitiert. Interessanterweise wird schon in der Erstausgabe des Schauspiels von 1781 an dieser Stelle die Form [dem] Mann verwendet. Wäre Karl Moor unser Zeitgenosse gewesen, hätte er auf das -e beim Manne in jedem Fall verzichtet. Denn die Zeiten haben sich eindeutig geändert. Das Dativ-e ist rückgängig (von Polenz 1999, S. 343, genauer in Rieger) und wirkt in spontan gebildeten Sätzen wie dem obigen eigentlich fehl am Platze. Dennoch ist es aus unserer Sprache nicht völlig verschwunden. Es beschäftigt Sprachinteressierte und ist immer noch für einen Zweifelsfall gut: Steht einem nur etwas zu Gesicht, oder darf es ihm auch zu Gesichte stehen? Werden Verbrecher nur mit Haftbefehl gesucht, oder dürfen sie auch mit Haftbefehle verfolgt weden? Heißt es nur in vollem Gange, oder ist auch in vollem Gang üblich? Ist im Staate Utah irgendwie auffällig?

"Korrekt" versus "angemessen"

Bei seltenen grammatischen Phänomenen fällt es Normalsterblichen schwer, die Angemessenheit des Gebrauchs zu bewerten, und das Dativ-e ist mittlerweile sehr selten geworden – es erscheint in den Textkorpora des IDS nur etwa 200 Mal pro eine Million Wörter (0,2 Promille). Nicht schwer ist es, zu entscheiden, ob ein e-Dativ korrekt ist, d. h. ob er bei einem bestimmten Substantiv prinzipiell möglich ist (dem Fuße, dem Hause, dem Manne klingt gut, aber doch nicht der *Fraue, dem *Schuhe, dem *Computere). Was aber Probleme bereiten kann, ist die Entscheidung für oder gegen das Dativ-e bei konkreten Formulierungen mit Substantiven, die an sich schon Dativ-e-fähig sind.

Dativ-e in alten Grammatiken (Abschnitt ein-/ausblenden)

Dass manche Maskulina und Neutra im Dativ ein -e bekommen, ist eine alte Regel. In den Grammatiken des 18. und 19. Jahrhunderts wird der e-Dativ in den Darstellungen zur Deklination regulär aufgeführt und das Weglassen des e oft kritisiert. Adelung schreibt u. A.:

Das e ist in derselben [= "der ersten Declination"] ein characteristischer Biegungslaut, daher derselbe, in eigentlich Deutschen Wörtern, im Genitiv und Dativ der Einheit nie verbissen werden sollte [...].
[...]
Wo das e im Genitive nicht verbissen werden darf, da kann es im Dative noch weniger wegfallen, weil er dessen characteristischer Biegungslaut ist. Folglich sind dem Baume, dem Arme, zu seinem Wohle, an diesem Abende u. s. f. richtger als ohne e.
[Adelung 1782, Bd. 1, S. 399f.]

Zumindest implizit bewusst ist also jedem versierten Benutzer des Deutschen, dass das Dativ-e nur bei Maskulina und Neutra korrekt sein kann, wobei es aber bei manchen dieser Substantive ausgeschlossen ist (dazu Duden 9 und ausführlicher Behaghel (1909), vgl. auch Konopka (2010)), z. B.:

  • bei Substantiven auf -em, -en, -el, -er (z. B. Atem) sowie bei Substantiven, die auf einen Vokal (z. B. Uhu) enden
  • bei Fremdwörtern, z. B. Hotel, Boss
  • bei den meisten Eigennamen (ohne Erweiterung), z. B. Hans, Berlin, Gott (aber dem lieben Gotte)
  • bei Stoffsubstantiven nach Präposition (ohne Artikel oder Adjektiv), z. B. aus Gold (aber aus reinem Golde)

Niemand kommt also auf die Idee, dem *Lehrere, dem *Chefe, (dem) *Brunoe, o. Ä. zu bilden. Schwieriger wird es aber, wenn man die Fälle betrachtet, die nicht durch klare Restriktionen wie die oben genannten eingeschränkt sind, denn dann entscheidet man sich nicht mehr zwischen grammatisch Richtigem und Falschem, sondern bewegt sich im Bereich gradueller Empfindungen, des subtilen Sprachgefühls.

Die Formen auf -e gelten an sich als gehoben bzw. veraltet, eignen sich daher gut einerseits für ernsthafte und feierliche Anlässe, andererseits für den scherzhaften oder ironischen Gebrauch. Daher entstehen auch Formulierungen wie dem Freunde zur Erquickung oder meinem liebsten Feinde, die für bestimmte Kommunikationssituationen entworfen sind und in diesen auch angemessen erscheinen können. Hier muss sich der Sprachbenutzer auf sein Näschen für die richtige Situation, den richtigen außersprachlichen Kontext verlassen, und dabei kann dem Weibe/Manne in diesem Text leider nicht geholfen werden.

Es gibt aber auch Fälle, in denen die Verwendung eines e-Dativs mit dem sprachlichen Kontext zusammenhängt. Zum einen kann der Rhythmus der Äußerung, je nach Empfinden des Sprechers oder Schreibers, die Setzung des Dativ-e fördern oder erschweren (Duden 9, S. 219, genauer dazu Behaghel 1900 und 1909) – wieder ein höchst individueller Faktor, der hier nicht thematisiert werden kann. Zum anderen aber hängt die Dativform mit der Wortverbindung zusammen, in der sie erscheint. Das heißt im Klartext: Der e-Dativ ist nie die einzige Möglichkeit und auch nie gänzlich ausgeschlossen, bei manchen Wortverbindungen ist er aber häufiger als bei anderen – man vergleiche etwa am Fuße des Berges (hui!) mit auf freiem Fuße (pfui!). Diesem Aspekt soll im Weiteren genauer nachgegangen werden.

Wortverbindungen mit e-Dativen

Das Dativ-e ist im Bereich von bestimmten (mehr oder weniger festen) Wortverbindungen zu Hause. Dabei kommt der gleiche e-Dativ in verschieden Wortverbindungen unterschiedlich häufig zum Einsatz. Die Unterschiede sind z. T. erheblich, wie es die Recherchen in den Textkorpora des IDS (genau beschrieben in Konopka 2010) zeigen. Siehe dazu Tabelle 1, in der ausgewählte Verbindungen aus Präposition und Substantiv zusammengestellt wurden:

Wortverbindung Anteil der Dativ-e-Variante/Vorkommen der Dativ-e-Variante
(Archiv W-gesamt, April 2010)
zu Rande [kommen]1 97,67% / 1.046
mit (silbernem/großem/diesem etc.) Rande 1,00% / 5
am Fuße [des Doms] 49,75% / 10.165
auf freiem Fuße 1,22% / 100
im Halse [stecken] 36,21% / 1.792
vom Halse [halten] 13,94% / 405
[bis] zum Halse [stehen] 12,65% / 686
vor dem Kriege 4,14% / 276
am Kriege 3,15% / 53

Tabelle 1: Beispiele für Häufigkeitsunterschiede bei verschiedenen Konstruktionen mit einem Dativ-e-fähigen Substantiv (Elemente in eckigen Klammern weisen auf mögliche Erweiterungen hin, die die Häufigkeit der Verbindung beeinflussen.)

Dass das Dativ-e vor allem in festen – oft idiomatischen – Wortverbindungen (sog. Phraseologismen) erscheint, bedeutet offensichtlich nicht, dass es in allen Phraseologismen mit einem Dativ-e-fähigen Substantiv die Regel ist – man sehe sich dazu die Rechercheergebnisse für auf freiem Fuße in Tabelle 1 an. Dies bestätigen auch weitere Korpusuntersuchungen (genauer beschrieben in Konopka 2010): In der hier abrufbaren Tabelle 2 sind 100 zufällig ausgewählte Wortgruppen mit einem e-Dativ zusammengestellt und nach der Häufigkeit der Dativ-e-Verwendung in der jeweiligen Position sortiert. Die bei den Zählungen berücksichtigten Wortgruppen bestehen aus dem fraglichen Substantiv und dem unmittelbar vorangehenden Wort bzw. – wenn das fragliche Substantiv als Teil einer Präpositionalphrase erscheint – der Präposition, mit der die Präpositionalphrase beginnt. In Tabelle 2 ist unter Anderem zu sehen, dass die Häufigkeit des Dativ-e bei idiomatischen Wortverbindungen wie vom rechten Weg(e) [abkommen] oder [mit jemandem/etwas] im Kampf(e) [liegen] sogar unter die 1%-Marke sinken kann. Außerdem zeigt sich, dass, obwohl die überwiegende Mehrheit der berücksichtigten Fälle "gefühlte" Phraseologismen sind (in der Tabelle grau schattiert), die e-Dative nur bei den ersten 24 überwiegen. Bemerkenswert ist schließlich auch, dass das Dativ-e besonders häufig bei Verbindungen aus Präposition und Substantiv ohne intervenierenden Artikel oder intervenierendes Adjektiv auftaucht (z. B. zu Grabe, nach Hause, zu Grunde, zu Gemüte, zu Rande). Hier fängt das Dativ-e das Fehlen des Artikels oder Adjektivs, die die Phrase als Dativ markiert hätten, quasi auf.

Fazit

Der e- Dativ ist in einem Teil fester Wortverbindungen (Phaseologismen) mit einem Dativ zu Hause. Bei einigen ist er sogar weit häufiger als der Dativ ohne -e (siehe Tabelle 2). Dennoch kommt man in den meisten festen Wortverbindungen auch ohne das Dativ-e aus. Ansonsten ist es marginal bzw. auf spezielle Kommunikationssituationen beschränkt, sodass über seinen Einsatz das Gespür für den passenden Anlass und das rhythmische Gefühl entscheiden. Also: Außerhalb von festen Wortgruppen mit Vorsicht zu genießen!