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Anfang diesen Jahres? — Anders gefragt

von Hans Jürgen Heringer

Für Bruno Strecker

(zu Bruno Streckers "Anfang diesen Jahres oder Ende dieses Jahres? — Genitiv Singular beim Demonstrativ-Artikel")

Sicherlich muss ein solcher Artikel hier mit einem Ratschlag enden. Denn in Zweifelsfällen suchen manche Rat. Es leuchtet auch ein, dass Menschen, die dieses Problem haben, eher einen braven Vorschlag schätzen werden. Ich hingegen bin modern und würde für den Fortschritt votieren – wenn es denn einer wäre. Die These, dass es sich um eine Innovation handelt, ist bestätigt. Doch Vorläufer, Präzedenz könnte es geben. Insgesamt scheint die Entwicklung nicht sehr rasant und stetig zu verlaufen.


Aber die Datenverteilung zeigt, was für ein feines Sprachgefühl die haben, die die Neuerung bemerken. Schließlich zeigt eine andere Anordnung und Auswertung der Streckerschen Daten, wie klein der Anteil der neuen Form ist.

diesen dieses Nomen Relative Frequenz
18 96 Inhalts 0,1875
5712 65290 Jahres 0,0874866
106 2026 Monats 0,5231984
29 937 Typs 0,03094984
1 62 Semesters 0,01612903
1 107 Jahrgangs 0,00934579
7 946 Tages 0,00739958
13 7234 Jahrhunderts 0,00179707
1 766 Jahrzehnts 0,00130548
1 1496 Buch(e)s 0,00066845
0 1226 Abends 0
0 332 Amtes 0
0 499 Jahrtausends 0
0 132 Kindes 0
0 3574 Landes 0
0 1098 Mannes 0
0 12 Quartals 0
0 619 Spiel(e)s 0
0 159 Vorgangs 0
0 295 Wochenendes 0
0 223 Zeitraums 0


Erste andere Fragen wären: Was denken sich Sprecher dabei, wenn sie diesen Jahres sagen? Wollen sie Kakophonie vermeiden, indem sie dissimilieren? Warum? Oder verfolgen Sie doch eine kommunikative Funktion?

Eine Linguisten-Idee war, in allen Exzerpten mit dieses Jahres zu ersetzen "dieses" > "diesen" in der Hoffnung, dass sich so abweichende Beispiele ergeben. Bei der Lektüre von 300 Belegen fanden sich nur perfekte, keinerlei Abweichung. So scheint der Unterschied nicht so gravierend.

Eine Vermutung war: Die beiden Varianten zeigen ein unterschiedliches deiktisches Verhalten. Nach meiner Intuition neigt diesen Jahres mehr zu situationeller Deixis, während dieses Jahres die anaphorische Deutung nahelegt, wenigstens hier offener ist:

Damals im Jahre 1420 wandelte sich die Stadt Augsburg. Von Anfang bis Ende dieses Jahres ...

Hier scheint mir naheliegend, dass das Jahr 1420 gemeint ist. Im Folgenden hingegen eher das Jahr des Schreibens oder Lesens.

Damals im Jahre 1420 wandelte sich die Stadt Augsburg. Bis zum Ende diesen Jahres ...

Leider bestätigen die Daten diese Vermutung nicht, wenngleich es mir immer noch plausibel ist.

Eine erste Erweiterung der Fragestellung ergibt sich bei der Betrachtung der umsortierten Strecker-Tabelle. Da ja die schwache Form wesentlich häufiger bei Inhalt vorkommt, schauen wir da, ob wir eine Motivation finden. Zuerst erweitern wir die Suche auf vorangehende Adjektive und andere Artikelwörter. Das gibt interessante Ergebnisse. Einschlägig sind zum Beispiel diese Belege, die zeigen, dass dies nicht das einzige Artikelwort ist, das sich so verhalten kann:

Denn sie können und müßten ja schon rechtzeitig vor der Kundmachung wissen, welche Vorschriften welchen Inhalts und mit welchem Wirksamkeitsbeginn und somit welcher Rückwirkung sie ...
[Salzburger Nachrichten, 18.09.1993]

Man fragt sich wirklich, welchen Inhalts der Vortrag des Manfred Roeder war ...
[Frankfurter Rundschau, 07.01.1998]

Welcher Art und welchen Inhalts die verbotenen Schriften waren, wurde vom Parteiorgan ...
[Nürnberger Nachrichten, 30.12.1998]

"Jeder darf mal Pfarrer spielen." Welchen Inhalts die Trauerreden sein werden, wurde nicht verraten.
[Frankfurter Rundschau, 02.10.1999]

Der Onkel hielt inne und musterte mich induktiv, um mir eine oder mehrere Stellungnahmen, gleichgültig welchen Inhalts abzugewinnen.
[Gyözö Szendrödi: Jacques Hilarius Sandsacks Psychoschmarotzer, [Roman]. - Oberhausen, 2001 (S. 243)]

Die KJR-Vollversammlung hat vor dem Hintergrund der Kürzungen zwei Beschlüsse gefasst. Welchen Inhalts?
[Nürnberger Nachrichten, 15.05.2004]

Ich würde gern von Ihnen wissen, welchen Inhalts die beiden Telefongespräche waren, die Sie mit Dr. Offermann ...
[Hannoversche Allgemeine, 25.06.2008]

Er entscheidet auch, welchen Inhalts die Vermisstmeldung sein wird ...
[Die Südostschweiz, 04.01.2010]

Grammatikern ist klar, dass unser Problem auch etwas mit der Monoflexion der Nominalphrase zu tun haben könnte. In der Nominalphrase kongruieren drei Flexive: beim Artikel, beim Adjektiv und beim Nomen. Die Einpassung in den Satzzusammenhang wird nicht allein durch die N-Flexion geleistet. Es sind vielmehr immer ganze Nominalphrasen, die syntaktisch eingepasst werden.

Die Grundregel der Monoflexion: Jede Nominalphrase sollte möglichst einmal ein deutliches (starkes) Flexiv aufweisen. Der Rest wird dann durch schwache -en-Flexive gefüllt, die nicht differenzieren. In Grundzügen und von der mentalen Verarbeitung her plausibel kommt dem Artikel, der ja als erstes rezipiert wird, eine ganz wichtige Funktion zu. Nur, wenn er die Einpassung nicht leistet, wandert die Markierung weiter zum Adjektiv und dann sogar zum Nomen – wie wir sehen werden.
Die Monoflexion des Deutschen gehorcht im einzelnen folgenden Mustern. Erster Schritt: Artikel stark, der Rest schwach. Hier gibt es aber schon ein kleines Problem. Nach der Grundregel ist das Genitiv-s beim Nomen redundant.

ART stark A schwach N
d- er wichtig- e Inhalt
d- es wichtig- en Inhalts

Tabelle 1

Wenn kein Artikelflexiv da ist – weil die Artikelform keines hat oder gar kein Artikel da ist – erhält das nachfolgende Adjektiv das starke Flexiv.

ART - A stark N
ein - wichtig- er Inhalt
welch - wichtig- er Inhalt

Tabelle 2

ART - A stark N
- - wichtig- er Inhalt

Tabelle 3

Entscheidend ist aber die Rolle des Genitiv-s beim Nomen. Es dominiert von hinten die Rolle des Adjektivs, nicht aber des Artikelworts – wie wir gesehen haben. Was dann noch passieren muss: Das Artikelwort jed- muss etwas verrutschen und ein bisschen Adjektivcharakter annehmen.

ART - A stark N
welch - wichtig- en Inhalts
jed- es wichtig- en Inhalts
- - jed- en Inhalts

Tabelle 4

Für das Verständnis von Sprachwandel spielen Übergänge und die Suche nach dem "missing link" eine große Rolle, eben jene Verwendungen, die den Übergang von einem Stadium ins nächste plausibel machen. Das finden wir schon bei Herrmann Paul:

Doch auch die geringste Veränderung des Usus ist bereits ein komplizierter Prozess, den wir nicht begreifen ohne Berücksichtigung der individuellen Modifikation des Usus. Da, wo die gewöhnliche Grammatik zu sondern und Grenzlinien zu ziehen pflegt, müssen wir uns bemühen alle möglichen Zwischenstufen und Vermittelungen aufzufinden (Paul 1920, S. 33).

Vielleicht haben wir ein "missing link" in jeden Jahres gefunden. Das Chamäleon jeder ist normalerweise nur mit endungsloser Artikelform verbunden. Da es im Grunde selbst schon definit ist, wäre der definite Artikel redundant und er ist es auch. Die Verbindung mit dem indefiniten ein klappt aber. Dieser Artikel ist im Nominativ und Akkusativ endungslos. Nach der Monoflexionsregel bekommt dann das Adjektiv – oder vielleicht etwas lockerer und weniger kategorial das folgende Flektierbare – die starke Endung:

Jedes Jahr
Ein jedes Jahr

Dann aber im Genitiv ganz regulär mit wieder aufgetauchtem Flexiv des Artikels:

Eines jeden Jahres

Im Mannheimer Korpus habe ich 1000 Funde für jeden Jahres. Davon sind etwa die Hälfte Funde für eines jeden Jahres. Und der Rest? Sie vermuten es: Es sind Vorkommen des nackten jeden Jahres.

Am Anfang jeden Jahres werden die nicht ...
Bis zum 30. April jeden Jahres muss das Gesundheitsamt ...
Im Frühjahr und Herbst jeden Jahres werden umfangreiche ...
... zum 1. Juli jeden Jahres fällig wird ...

Da glaube ich, einen Übergang gefunden zu haben. Und dann ging es vielleicht von hier auch analogisch zu diesen Jahres. Vom Kongruenzverhalten ist bekannt, dass alle und viele nicht immer und bei allen wie Artikelwörter verwendet werden, sondern durchaus mal so, mal so:

Die vielen großen Probleme, die zu lösen sind ...
Viele große Probleme sind zu lösen.

Das bringt mich darauf, den Übergang von Artikelwort zu Adjektiv etwas aufzuweichen. Wir könnten daran denken, diesen Bereich eher skalar zu rekonstruieren, etwa so:

<der, ein-, dies-, welch-, mein-, viel-, jed-, all-, selb-, selbig-, folgend-, vorig->

Und wenn wir es so machen, dann werden Übergänge viel plausibler.