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Vorbildliche Reflexion über Sprache

von Rainer Wimmer

Für Bruno Strecker

Grammatische Regeln und die Untersuchung grammatischer Phänomene

Im Sprachunterricht in der Schule, in der Praxis der populären Sprachkritik und auch in vielen (sprach)wissenschaftlichen Kontexten gilt die Grammatik als der Bereich der natürlichen Sprache, in dem es am wenigsten offene Regeln (mit entsprechenden Spielräumen für die Sprecher/innen) gibt. Man ist oft geneigt, grammatische Regeln in die Nähe von Naturgesetzen zu rücken. Da gibt es dann für Lehrer und Sprachkritiker kaum Zweifel im Entscheiden, was richtig und was falsch ist. Die grammatischen Normen scheinen klar zu sein, und wenn Zweifel aufkommen, so glaubt man annehmen zu dürfen, dass die "Gesetzmäßigkeiten" nur noch nicht richtig erkannt sind oder Unzulänglichkeiten in den Formulierungen der grammatischen "Gesetze" bestehen. Für viele Sprachbenutzer sind die Regeln der Grammatik so etwas wie der harte Kern der Sprache, in dem in Analogie zur zweiwertigen (wahr/falsch) Aussagenlogik die Gebote einer strikten Alternative von "richtig" oder "falsch" gelten. Und für viele Sprachteilhaber verbindet sich mit einer solchen Sichtweise auf den "grammatischen Kern" der Sprache das Gefühl, manchmal auch ein Bewusstsein, man nähere sich damit einer wirklich wissenschaftlichen Betrachtung (im Sinne einer szientifischen Betrachtung) der Sprache an.

Bruno Strecker zeigt in seinen grammatischen Betrachtungen und Analysen, wie das geht, wenn man sich mit größtmöglicher wissenschaftlicher Akribie der Untersuchung einzelner grammatischer Phänomene zuwendet. Dies auch in den Glossen und Analysen zu grammatischen Zweifelsfragen, die das Institut für deutsche Sprache (IDS) u. a. im "Sprachreport" publiziert. Im "Sprachreport" 3/2006 (S. 13 f.) ist Bruno Streckers Glosse zu der Frage: "Anfang diesen Jahres oder Ende dieses Jahres?" erschienen (vgl. auch GRAMMIS). Er schreibt: "Man könnte es sich leicht machen, die Form dieses zur Norm erklären und den Gebrauch von diesen in diesem Zusammenhang einfach als fehlerhaft abtun" (S. 13). Bruno Strecker macht es sich nicht so leicht. Er recherchiert intensiv in den Textkorpora des Instituts für Deutsche Sprache und findet heraus, dass der Genitiv diesen Jahres vor ca. 1970 noch nicht auftaucht. Das heißt, vor dieser Zeit war dieses Jahres unzweifelhaft die Regel im Gebrauch. Danach gibt es zunehmend Belege für diesen Jahres als Genitiv, wobei das Phänomen nicht nur auf das Substantiv Jahr begrenzt ist. Es gibt auch zahlreiche (wenn auch nicht so viele) Belege für diesen Monats, diesen Typs, diesen Inhalts, diesen Jahrhunderts (jeweils als Genitiv), und zwar nicht in irgendwelchen verstreuten Texten, sondern in den normbildenden (seriösen) Medien wie Rundfunk, Presse und Literatur.

Die Natur des Sprachgebrauchs

Der Genitiv diesen Jahres kommt in den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache auffällig häufig vor – verglichen mit Vorkommen von diesen Jahrhunderts, diesen Monats, diesen Typs (vgl. die Tabelle in Strecker 2006, S. 13; auch in GRAMMIS). Wenn Bruno Strecker nach Erklärungen für dieses Phänomen sucht, dann schaut er auf den tatsächlichen Gebrauch und untersucht, welche Ausdrücke sonst häufig im Zusammenhang mit Jahres vorkommen. Diesen Jahres einfach so als fehlerhaften Gebrauch zu kennzeichnen, kann für ihn keine Option sein. Denn was soll "fehlerhaft" heißen, wenn nicht: von vielen "nicht akzeptiert"? Aber die Belege zeigen ja gerade, dass diesen Jahres von vielen Sprecher/innen, d. h. weitgehend, faktisch akzeptiert wird. Es zählt der tatsächliche Gebrauch. Der macht die Regel. Bruno Strecker untersucht, welche Ausdrücke in den IDS-Korpora am häufigsten zusammen mit Jahres vorkommen und findet die Kollokationen vergangenen Jahres, nächsten Jahres, kommenden Jahres und letzten Jahres (vgl. Strecker 2006, S. 14). Diese Nominalgruppen kann man in einem inhaltlichen Zusammenhang mit diesen Jahres sehen. Wenn Sprecher/innen Ereignisse des "nächsten Jahres" und des "letzten Jahres" im Sinn haben, dann mögen sie auch an Ereignisse "diesen Jahres" denken. Bruno Strecker schreibt: "Dieser inhaltliche Zusammenhang kann sich durchaus dahingehend auswirken, dass anstelle des von Traditionalisten bevorzugten dieses zunehmend diesen gebraucht wird" (Strecker 2006, S. 14).

Man muss richtig suchen, um von Bruno Strecker eine weitergehende Erklärung oder Bewertung von Sprachwandelphänomenen zu lesen. Dass er hier von "Traditionalisten" spricht, die dieses Jahres und nicht diesen Jahres verwenden, ist für Bruno Strecker schon fast eine ungewöhnliche Charakterisierung. Immerhin ist diese Charakterisierung vorsichtiger als folgende Bemerkung im Duden: "Als standardsprachlich korrekt gilt jedoch vor allem bei konservativen Sprachpflegern nur Anfang dieses Jahres" (Eisenberg 2007, S. 234). Bruno Streckers Bewertungszurückhaltung hat nichts mit scheinbaren Objektivitätsidealen in Bezug auf Wissenschaftlichkeit zu tun, auch nichts mit verqueren Bescheidenheitsidealen. Es ist die Einsicht in die Natur der Sprache, die (ihm) Bewertungsabstinenz gebietet. Kunstsprachen wie logische Kalküle können beurteilt und bewertet werden nach (expliziten) Zielen und Zwecken, nach denen sie gemacht sind. Die natürliche Sprache ist grundsätzlich frei im Gebrauch. Jeder Sprachteilhaber kann seine natürliche Sprache gemäß seinen eigenen Gewohnheiten, Zielen, Zwecken, Vorlieben gebrauchen. Dabei können Sprecher/innen unterschiedliche Sichtweisen auf sprachliche Phänomene entwickeln: Was für einen als Fehler oder Zweifelsfall gilt, mag für den anderen der Normalfall sein. Im freien Sprachgebrauch kann es zu "konfligierenden Analogien" (Strecker 2009, S. 242) und zu so etwas wie "grammatischen Kippbildern" (Strecker 2009, S. 243) kommen. Die diskutierten Verwendungen von dieses Jahres und diesen Jahres sind dafür ein Beispiel. Hier ein Urteil über "richtig" und "falsch" zu fällen, bedeutet mehr als nur über den Sprachgebrauch zu urteilen. Bei Wittgenstein heißt es

"241. "So sagst du also, daß die Übereinstimmung der Menschen entscheide, was richtig und was falsch ist?" – Richtig und falsch ist, was Menschen sagen; und in der Sprache stimmen die Menschen überein. Dies ist keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform." (Wittgenstein 1971).

Der Sprachgebrauch der Menschen ist verwoben mit allen Aspekten ihrer Orientierung in der Welt, mit ihren sozialen Bindungen, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Sicht auf die Gegenstände und Sachverhalte ihrer Umgebung. Deswegen ist grundsätzlich Achtung gegenüber dem Sprachgebrauch anderer angebracht, wie auch immer man ihn im Einzelnen bewertet. Und es muss als normal gelten, dass alternative Ausdrucksformen nebeneinander bestehen, auch in der Grammatik. Auf die Anfrage an das Institut für deutsche Sprache, was denn korrekt sei: "Ich habe mich zunächst damit beholfen" oder "Ich habe mir zunächst damit beholfen" antwortet Bruno Strecker nach gründlicher Prüfung der Belege aus der Gegenwart und der neueren Sprachgeschichte, dass die Frage offen bleiben muss und rein sachlich nicht zu entscheiden ist, und er fügt hinzu: "Ängstlichen Sprachteilhabern, die sehr auf korrekte Ausdrucksweise bedacht sind, wird dies nicht gefallen, aber ihnen bleibt der Trost, dass niemand in der Lage ist, ihnen – gleich, welche Form sie benutzen – ernstlich einen Fehler nachzuweise" (Strecker 2010, S. 32, vgl. auch GRAMMIS). Aus dieser Antwort lässt sich auch die Aufforderung herauslesen, selbstbewusst den eigenen Regeln zu folgen. Die Normierer sind nicht die Herren des Sprachwandels.

Einstellungen zur Grammatik

Ein Grund, weshalb populäre Sprachkritiker und Ratsuchende in Sachen Grammatik einfache Ja-Nein-Antworten in grammatischen Zweifelsfragen erwarten, mag darin liegen, dass sie die Grammatik gewissermaßen für den harten Kern der Sprache halten, für den jederzeit eindeutige Normformulierungen möglich sein sollten und für den offene Regelformulierungen nicht ausreichend sind. Der Bereich der Semantik, der Bedeutungslehre, ist für viele dagegen der Teil der Sprache, in dem vieles offen ist, individuelle Ausdrucksvarianten möglich sind und dementsprechend offene Regeln anzuerkennen sind. Man muss sich ja schließlich auch sprachlich individuell verwirklichen können. Diese Gegenüberstellung von Grammatik und Semantik ist eine Fehleinschätzung, die möglicherweise dadurch befördert wird, dass im Sprachunterricht während der schulischen Sozialisation grammatische Fehler als die "harten" Fehler gelten, während Semantikfehler und stilistische Fehler nicht so streng bewertet werden. Der Junggrammatiker Hermann Paul hat dieser Fehleinschätzung bereits 1919 am Anfang seiner Grammatik widersprochen. Die Einleitung seiner Grammatik beginnt mit dem Satz: "Die Syntax ist ein Teil der Bedeutungslehre, und zwar derjenige, was schon das Wort besagt, dessen Aufgabe es ist, darzulegen, wie die einzelnen Wörter zum Zwecke der Mitteilung zusammengeordnet werden" (Paul 1919, S. 494).

Wer Bruno Streckers Beiträge zur dreibändigen Grammatik des Instituts für Deutsche Sprache anschaut, kann überall erkennen, dass er Hermann Pauls Aufgabenstellung, die Zusammenordnung der Wörter zum Zwecke der Mitteilung zu beschreiben, vorbildlich erfüllt. Um nur ein Beispiel anzusprechen: die Funktion und Gebrauchsweise von Eigennamen in Sätzen (vgl. Zifonun/Hoffmann/Strecker u. a. 1997, S. 750 ff.). Bruno Strecker schreibt: "Ein Eigenname scheint auf natürliche, unkomplizierte Weise dem zugeordnet, was er benennt und damit bestimmt. Genauere Betrachtung zeigt allerdings, daß auch Eigennamen ihre Tücken haben und ihre Zuordnung zu ihren Trägern alles andere als einfach ist" (ebda., S. 750). Scheinbar einfache Beispielsätze können bereits erkennen lassen, dass eine einfache Zuordnung von Name und Namenträger bei weitem nicht alles ist, was den tatsächlichen Gebrauch von Eigennamen ausmacht. Wie soll man einen schlichten Satz wie "Fuchs schoß Vogel ab" (einer der Beispielsätze, ebda., S. 751) deuten? Fuchs und Vogel könnten Eigennamen sein, wofür die Artikellosigkeit möglicherweise ein erster Hinweis sein könnte. Aber in welchem Kontext würde man sagen, dass ein Mensch namens Fuchs einen Menschen namens Vogel "abschießt"? Jedenfalls sind Fuchs und Vogel gängige Personennamen, oder? Jedenfalls im deutschen Sprachraum, oder? Es ist aber auch gut denkbar, dass Fuchs ein Personenname ist und Vogel ein Appellativum. Die kontextlose Betrachtung eines solchen Beispielsatzes hat natürlich etwas Künstliches. Sie kann einen aber erahnen lassen, was sprachlich alles möglich ist. Bruno Strecker lotet in all seinen grammatischen Beschreibungen und Analysen das Gebrauchsspektrum von Ausdrücken, Ausdrucksverbindungen und Konstruktionen bestmöglich aus. Dabei ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, auch über die Grenzen linguistisch-grammatischer Betrachtungen hinauszuschauen und zu berücksichtigen, was andere Disziplinen zu den sprachlichen Fragen zu sagen haben. Das betrifft bei der Eigennamentheorie insbesondere logisch-philosophische Überlegungen zur Referenzsemantik.

Die kommunikative Perspektive auf die Grammatik

Wer die Bedeutung(en) von grammatischen Konstruktionen ergründen will, muss versuchen, sich in seinen Beschreibungen und Analysen so weit wie möglich den kommunikativen Absichten bzw. Intentionen zu nähern, die Sprecher/innen bewegen, sich so zu äußern, wie sie sich äußern. Ich nehme noch einmal Bruno Streckers Ausführungen zu Eigennamen als Beispiel: "Wir verstehen hier unter EIGENNAMEN im Deutschen sowohl tatsächliche als auch potentielle Namen, wobei letzteres erlaubt, einen Ausdruck auch dann als Eigennamen aufzufassen, wenn man nur weiß, daß er seiner Bestimmung nach ein Eigenname ist, und von dem Akt der Namensgebung keine Kenntnis hat" (ebda., S. 751). "Tatsächliche" Namen verstehe ich hier als solche, die man als gegebene, bekannte Namen kennt. Doch was sind "potentielle" Namen? Was ist das, was "seiner Bestimmung nach" ein Eigenname ist? (Von dem Akt der Namensgebung hat man meistens keine Kenntnis, wenn man einen Eigennamen verwendet.) Bruno Strecker reflektiert hier mit den Ausdrücken potentielle Namen und seiner Bestimmung nach m. E. auf den intentionalen Grund des Eigennamengebrauchs. Dieser intentionale Grund des Eigennamengebrauchs liegt in der Logik des Gebrauchs einer natürlichen Sprache, wie sie von H. P. Grice (vgl. Grice 1979) beschrieben worden ist. Diese Logik des natürlichen Sprachgebrauchs ist nicht die formale Aussagen- oder Prädikatenlogik, sondern sie folgt den Prinzipien/Maximen, dass in allem, was natürlichsprachlich gesagt wird, selbstverständlich unterstellt werden: Informativität (es wird etwas mitgeteilt), Wahrhaftigkeit (es wird gemeint, was gesagt wird), Relevanz (was gesagt wird, ist in dem gegebenen Zusammenhang relevant), Verständlichkeit (was gesagt wird, wird so gesagt, dass es möglichst verständlich ist). Potentielle Namen sind dann bei Bruno Strecker Eigennamen, bei denen gemäß der Informativitätsmaxime unterstellt werden kann, dass es einen Namensträger gibt. Der Eigenname hat "seiner Bestimmung nach" einen Träger.

Wenn man den Blick von Bruno Streckers Beiträgen zur Grammatik des Instituts für Deutsche Sprache zurückwendet auf seine Glossen im "Sprachreport", so kann deutlich werden, dass seine Vorsicht im Umgang mit Normen auf fundierten Einsichten in die Natur der Grammatik beruht. Grammatische Regeln folgen keiner anderen Logik als semantische Regeln. Und semantische Regeln sind im Gebrauch offen. Was u. a. heißt, dass man mit allgegenwärtigem Wandel rechnen muss – wie überall in der Sprache. Was aber auch nicht heißt, dass es keine Fehler gibt. Aber Fehler sind dann Fehler, wenn man sie demjenigen, der sie macht, auch als solche kennzeichnen und verstehbar machen kann. Dass es innerhalb des Raumes der Grice'schen Logik der natürlichen Sprache noch eine andere, spezifische, zweckgebundene, allein wahrheitswertfunktionale, insofern "unerbittliche" Aussagenlogik gibt, hat Bruno Strecker bereits in einer frühen Publikation ausführlich erörtert und anerkannt (vgl. Strecker 1974). Aber die wahrheitswertfunktionale Aussagenlogik hat ihren – eingeschränkten und zweckgebundenen – Sinn nur im Rahmen der natürlichsprachlichen Kooperationslogik Grice'scher Prägung. Wie sollte sie sonst in ihrer Spezifik, in ihren besonderen Leistungen und Zwecken überhaupt verstehbar sein?

Der Umgang mit dem Sprachgebrauch

Bruno Streckers Umgang mit Sprachwandelphänomenen und mit den Sprachproblemen der Zeitgenossen ist geprägt durch ein Hineinversetzen in den normalen Sprachbenutzer, der täglich – wenn überhaupt – vielleicht einmal ganz bewusst reflektierend eine Wortwahl oder die Wahl einer ganz bestimmten grammatischen Konstruktion trifft und ansonsten "blind" dem ihm gewohnten Sprachgebrauch folgt. Das hat nichts zu tun mit Normierungsabstinenz oder genereller Normenskepsis. Das ist einfach Realismus im Umgang mit der natürlichen Sprache. Zu dem Realismus gehört das Rechnen mit dem ständigen Sprachwandel. Deswegen müssen die Daten, die die Sprachkorpora hergeben, sorgfältig geprüft werden, was Bruno Strecker in all seinen Arbeiten vorbildlich tut. Keiner weiß besser als er, dass die Daten allerdings nicht von sich aus sprechen. Man muss sie immer aufs Neue hin- und herwenden, um Interpretationen plausibel und vertretbar zu machen.

Reflektiertheit im Umgang mit dem Sprachgebrauch zeigt sich vor allem darin, dass sie die Ausdrucks- und Verstehensbedürfnisse der je einzelnen Sprecher/innen zum Maßstab nimmt, diese grundsätzlich respektiert und sie gemäß der natürlichsprachlichen Kooperationslogik (vgl. Grice 1979) zu beschreiben, zu analysieren und zu beurteilen versucht. Jede natürlichsprachliche Äußerung, die mit klarem Kopf gemacht ist und einen Adressaten hat, verdient es, unter Gesichtspunkten ihres Informationsgehalts, ihrer Wahrhaftigkeit, ihrer Relevanz und ihrer Verständlichkeit aufgenommen zu werden. Das macht den Sinn und Zweck der natürlichen Sprache aus. Verstehen, was gesagt wird, und sagen bzw. äußern, was verstanden werden kann und soll, ist das Ziel des natürlichen Sprachgebrauchs. Normierungen bzw. Festlegungen, wie bzw. nach welchen expliziten Standards etwas gesagt/geäußert werden soll, sind demgegenüber sekundär. Normen als explizite Festlegungen von grammatischen und semantischen Gebrauchsmustern für eine jeweils überschaubare Menge von Gebrauchssituationen und für eine jeweils überschaubare Zahl von Sprecher/innen haben dienende Funktion. Der wichtigste Situationstyp, in dem Normen und Normierungshandlungen ihren Sinn und Zweck haben, ist die Lehr- und Lernsituation. Gemessen an den Millionen und Abermillionen von Situationen, in denen sich Sprecher/innen einer Sprache wie dem Deutschen täglich (oder auch stündlich) äußern, machen die Lehr- und Lernsituationen einen verschwindend kleinen Teil aus. Wahrscheinlich fühlen sich die meisten Ratsuchenden, die Sprachanfragen an das Institut für deutsche Sprache (und hier an Bruno Strecker) richten, auch nicht in einer typischen Lernsituation. Sie wollen nicht einfach wissen, wie es "in der Sprache" ist. Viele suchen Bestätigung für ihre eigenen Auffassungen. Andere wollen über den "Zustand" der Sprache klagen. Und deshalb antwortet Bruno Strecker in seinen Glossen im "Sprachreport" auch nicht als Lehrer bzw. Normierer. Er gibt seine Erfahrungen in der Reflexion über Sprache und Sprachgebrauch weiter und regt zur selbstständigen Reflexion über Sprache an. Die Normierungsabstinenz begegnet einem bei Bruno Strecker als eine natürliche Selbstverständlichkeit. Sie ist nicht nur eine angenehme und wohltuende Erfahrung, sondern sie öffnet auch die Augen für das Wesentliche im Gebrauch der natürlichen Sprache: Verstehensbemühung, gegenseitige Anerkennung, intersubjektive Orientierung. Wer Bruno Strecker auch aus persönlichen Gesprächen im persönlichen Umgang kennt, weiß die völlige Abstinenz von Normierungsabsicht oder gar Normierungsdruck, vor dem man bei den allermeisten Menschen auf der Hut sein muss, zu schätzen. Wer diese normierungsabstinente Anerkennungseinstellung erfährt, weiß auch, dass sie alles andere als Indifferenz gegenüber sprachlicher Verhaltensvarianz ist. Sie ist Ausdruck einer sehr aufmerksamen Achtung gegenüber dem jeweils Gesagten.