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"Was ist zu tun, wenn ...?" — Eine Betriebsanleitung für das Deutsche

von Helmut Frosch

Für Bruno Strecker

Was ist eine Grammatik?

"Ein Buch, mit dem man eine Sprache lernt", wird vielleicht ein Schüler sagen, der Latein lernt und sich mit den Substantiv- und Verbparadigmen, dem a.c.i und den unzähligen Formen unregelmäßiger Verben quält, die in seiner lateinischen Grammatik aufgeführt sind. In einem Grammatikbuch steht, wie das Material, aus dem die lateinische Sprache besteht - nämlich die Wörter -, verwendet und formal verändert werden kann oder muss, wenn es zum Bau lateinischer Sätze dienen soll.

Was ist die Grammatik?

Grammatik - oder die Grammatik - ist nicht das Buch. Das Buch enthält die Grammatik, und es gibt viele Bücher, die die lateinische oder die deutsche Grammatik enthalten. Die Grammatik einer Sprache ist ein Regelwerk, das in Büchern festgehalten ist - ein Regelwerk vergleichbar mit der Straßenverkehrsordnung. Wenn im Deutschen das Subjekt des Satzes im Singular steht, steht das finite Verb auch im Singular: Paul singt, nicht aber Paul singen. Wenn zwei Fahrzeuge auf gleichberechtigten Straßen sich an einer Kreuzung treffen, dann hat das von rechts kommende laut Abmachung die Vorfahrt. Das sind die Regeln für unfallfreien Verkehr, und Vergleichbares gilt für grammatikalisch richtiges Deutsch. Wer sich nicht daran hält, riskiert, nicht verstanden zu werden bzw. einen Verkehrsunfall zu provozieren.

Wieso gibt es verschiedene Grammatikbücher?

Im Unterschied zur Straßenverkehrsordnung ist die Grammatik kein vom Gesetzgeber vorgeschriebenes Regelwerk, es ist sogar so, dass wir die grammatischen Regeln gar nicht alle in ihren Einzelheiten kennen. Immer noch arbeiten Linguisten daran, diese Regeln zu erforschen und besser zu beschreiben und es herrscht nicht einmal Einigkeit darüber, was die Natur dieser Regeln ist und wie sie "richtig" dargestellt werden sollen. Daher kommen die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der vorliegenden Grammatiktheorien und folglich auch der Grammatikbücher, die außerdem unterschiedlich ausführlich und mit unterschiedlichen Ansprüchen auf Verständlichkeit und Genauigkeit in der Darstellung geschrieben wurden.

Woher kennen wir die Grammatikregeln?

Die Straßenverkehrsordnung wurde von Verkehrsexperten und Juristen ausgearbeitet und vom Gesetzgeber schließlich als verbindliches Regelwerk für den Straßenverkehr in Kraft gesetzt. Wir kennen sie direkt aus dem Text der Straßenverkehrsordnung. Die Grammatikregeln wurden nicht festgesetzt, sie sind für die Sprecher einer Sprache einfach vorhanden, unbewusst zwar, denn jemand, der eine Sprache wie Deutsch spricht, wendet diese Grammatikregeln an, kann sie aber nicht formulieren, so wie man die Regel Rechts vor Links formulieren kann. Sie sind nur in dem Material, das heißt den mündlichen Äußerungen und schriftlichen Texten, implizit vorhanden, nämlich dadurch, dass bestimmte Sprachäußerungen vorkommen, andere nicht. Beispielsweise findet man Paul und Erna singen oder Franziskus arbeitet, man findet dagegen nicht Paul und Erna singt oder Franziskus arbeiten. Aus dieser Beobachtung und vielen vergleichbaren anderen kann schon eine erste einfache Regel erschlossen werden: Wenn zwischen zwei solchen Wörtern wie Paul, Erna, Peter, Franziskus, Jockel ein und steht, muss danach ein Wort wie singen, beten, arbeiten folgen, aber nicht singt, betet, arbeitet. Wenn dagegen nur eines der Wörter Paul, Erna, Peter, Franziskus, Jockel vorkommt, muss danach singt oder betet oder arbeitet stehen. Diese Regel funktioniert jedoch nur dann, wenn außer den genannten Bestandteilen keine weiteren Wörter im Satz vorkommen. Und um dies ausdrücken zu können, muss man wissen, was ein Wort und was ein Satz ist.

Was ist ein Wort und was ist ein Satz?

Um die erste einfache Grammatikregel oben zu formulieren, müssen bestimmte Verallgemeinerungen und Definitionen getroffen werden. Ohne weiter nachzudenken, sprechen wir von Wörtern, wenn wir uns auf sprachliche Einheiten wie Paul, Erna, Peter, Franziskus, singen, beten, arbeiten, singt, betet, arbeitet beziehen. Aber sind singen und singt zwei verschiedene Wörter oder eines, das in verschiedenen Ausprägungen existiert? Fast jede Grammatiktheorie wird sagen, dass es sich um ein Wort handelt, das durch unterschiedliche Wortformen realisiert wird. Man verweist dabei unter anderem auf die Ähnlichkeit der beiden Formen, die beide den Bestandteil sing enthalten. Es werden Testverfahren eingeführt, die die Verallgemeinerung, singen und singt als zwei Formen eines Wortes aufzufassen, rechtfertigen, und die es schließlich ermöglichen, eine allgemeine Definition dessen zu formulieren, was als Wort angesehen werden soll, bzw. in diesem Fall eine spezielle Art von Wörtern, die sogenannte Wortklasse der Verben. Außerdem stellt man fest, dass an den Stellen, an denen die Form singt vorkommt, auch betet oder arbeitet stehen kann, die andere Form singen dagegen nicht, und umgekehrt, dass an den Stellen, an denen die Form singen vorkommt, nur beten oder arbeiten stehen kann. Hieraus ergibt sich eine weitere Verallgemeinerung und die Definition der Pluralform eines Verbs. Alle Wörter, die an denselben Stellen wie Paul, Erna, Peter, Franziskus vorkommen, können wieder zu einer Wortklasse zusammengefasst werden, in diesem Fall die Wortklasse der Eigennamen.

Ähnlich verfährt man mit der Frage, was ein Satz ist: Ohne weiter nachzudenken, wird man als Satz eine Folge von Wörtern ansehen, die zwischen zwei Satzzeichen steht, also Franziskus betet und arbeitet. Ist aber ein Befehl wie Halt! der nur aus diesem einen Wort besteht, ebenfalls als Satz anzusehen? Auch hier müssen Testverfahren und weitere Überlegungen zu Hilfe genommen werden, um eine allgemeine Definition dessen zu formulieren, was als Satz anzusehen ist.

Wie sehen Grammatikregeln aus?

Die oben vorgestellte Grammatikregel kann jetzt allgemeiner und präziser formuliert werden: Wenn ein Satz die Form [Eigenname und Eigenname Verb]S hat, muss das Verb in seiner Pluralform stehen, wenn ein Satz dagegen die Form [Eigenname Verb]S hat, muss das Verb in seiner Singularform stehen. (Die eckigen Klammern mit Index S sollen hier andeuten, dass es sich um einen Satz handelt.) Eine weitere Verallgemeinerung der Regel bietet sich nun an: Die Bestandteile Eigenname und Eigenname und Eigenname stehen an derselben Stelle in der formalen Beschreibung des Satzes, nämlich vor dem Verb, außerdem kann man beobachten, dass anstelle von Eigenname und Eigenname auch Wortformen wie Mönche vorkommen können, wobei das Verb ebenfalls in die Pluralform zu setzen ist. Aus weiteren Überlegungen und Tests stellt man fest, dass Mönche auch eine Pluralform ist, diesmal eine aus der Nomen genannten Wortklasse. Die entscheidende Verallgemeinerung der Regel besteht nun in der Einsicht, dass ganze Wortfolgen dieselben Stellen im Satz einnehmen können wie einzelne Wörter bzw. Wortformen, dass sie - wie man sagt - dieselbe Funktion haben können. Bezeichnet man Wortfolgen der Form Eigenname und Eigenname und Wortformen wie Mönche einheitlich als Pluralnomen, kann die Formangabe [Eigenname und Eigenname Verb]S als [Pluralnomen Verb]S geschrieben werden. Diese Formulierung ist allgemeiner, weil sie nicht nur Fälle wie Paul und Erna singen abdeckt, sondern auch Mönche singen. Entsprechend kann im Fall [Eigenname Verb]S allgemeiner [Singularnomen Verb]S geschrieben werden.

Die Grammatikregel lautet jetzt: Wenn ein Satz die Form [Pluralnomen Verb]S hat, muss das Verb in seiner Pluralform stehen, wenn ein Satz dagegen die Form [Singularnomen Verb]S hat, muss das Verb in seiner Singularform stehen. Da Verben ebenso wie die Nomen Plural- und Singularformen besitzen, kann man entsprechend auch [Pluralnomen Pluralverb]S und [Singularnomen Singularverb]S in die entsprechenden Satzschemata schreiben. Aber was wird dann aus der Anweisung, dass das Verb in seiner Plural- bzw. Singularform zu stehen hat? Diese Anweisung ist sozusagen in das Satzschema gerutscht und die Regel, die vorher angab, was mit dem Verb zu geschehen hat, wird jetzt zu einer Beschreibung, wie ein grammatikalisch richtiger Satz auszusehen hat, jeweils für den Plural- und den Singularfall. Eine weitere Verallgemeinerung bietet sich an: Die Schemata fordern, dass Nomen und Verb in spezifischer Weise übereinstimmen müssen, also entweder beide im Plural oder beide im Singular zu stehen haben. Man spricht von "Kongruenz" und kann nun beide Schemata zu einem zusammenfassen, das ausdrückt, dass Nomen und Verb kongruent sein müssen: [[Nomen]KON [Verb]KON]S.

Wie man an der Regelformulierung deutlich sieht, kommt es darauf an, welche Form ein Satz hat, wenn man bestimmen will, welche Verbform in einem Satz zu verwenden ist. Diese Einsicht ist bestimmend für die moderne Grammatikforschung, und konsequenterweise werden wissenschaftliche Grammatiken heute als formale Grammatiken entworfen.

Für wen werden Grammatiken geschrieben?

Ein Grammatikbuch, das formale Regeln wie [[Nomen]KON [Verb]KON]S enthält, wird für Spezialisten geschrieben: Für Leute, die selbst in der Grammatikforschung tätig sind oder die solche präzisen Regeln für ihre speziellen Zwecke benötigen, z. B. Informatiker. Denn eine unabdingbare Voraussetzung, um damit arbeiten zu können, ist ein vertieftes Studium der angewendeten Verfahren. Das schließt von vornherein alle diejenigen aus, die einfach Deutsch lernen wollen und vor allem diejenigen, die eigentlich nur gerade einmal wissen wollen, ob man wegen des Frühlings sagen muss oder ob die Variante wegen dem Frühling auch gutes Deutsch ist.

Für ausländische Deutschlerner und deutsche Schüler der verschiedenen Altersstufen gibt es jeweils spezielle Grammatiken, die an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Benutzer angepasst sind. Diese Grammatiken sind nicht formal im oben geschilderten Sinn, versuchen aber, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Grammatikschreibung vereinfacht darzustellen. Das ist nicht anders als bei anderen Wissensgebieten, wenn etwa komplizierte Ergebnisse der Molekularbiologie in einem Biologielehrbuch für Schüler dargestellt werden.

Wie bekommt man schnell Antwort auf kurze Grammatikfragen?

Wer nur schnell wissen will, ob es wegen des Frühlings oder wegen dem Frühling heißt, ist auch mit einer Schulgrammatik schlecht bedient. Immer noch müssen - ebenso wie in einer wissenschaftlichen Grammatik - viele Fachbegriffe bekannt sein, bevor überhaupt die Frage so formuliert werden kann, dass man die Antwort im Buch findet. Das ist langwierig und führt oft nicht zum Ziel. Es muss also ein anderer Weg gefunden werden.

Man denke wieder an den eingangs erwähnten Straßenverkehr, diesmal aber nicht an die Verkehrsregeln sondern an das Fahrzeug. Ein Auto ist ein sehr kompliziertes Gebilde, das aus vielen Einzelteilen unterschiedlichster Art und Funktion zusammengesetzt ist. Dies ist in Konstruktionsplänen beschrieben, die wegen ihrer formalen Präzision in Analogie zu einer wissenschaftlichen Grammatik gesehen werden können. Möchte man wissen, wie das Auto im einzelnen funktioniert, kann man das den Konstruktionsplänen entnehmen. Wer aber als normaler Autofahrer wissen will, wo er Wasser für die Scheibenwaschanlage nachfüllen muss, und was zu tun ist, wenn ein bestimmtes Kontrolllicht aufleuchtet, kann mit einem Konstruktionsplan wenig anfangen. Ihm fehlen Fachkenntnisse, Zeit sich einzuarbeiten, und außerdem wäre das Studium eines solchen Plans mit einem völlig unverhältnismäßigem Aufwand verbunden. Daher hat jedes Auto eine Betriebsanleitung.

Dort findet man sofort Antwort auf Fragen der Art Was ist zu tun, wenn ...? und wenn es nötig ist auch bis zu einem gewissen Grad Hintergrundinformationen. Genau dies wird mit GRAMMATIK IN FRAGEN UND ANTWORTEN für die deutsche Sprache angestrebt: eine Betriebsanleitung für das Deutsche, die Antwort gibt auf Fragen der Art wegen des ... oder wegen dem ...? Die Antworten werden unmittelbar gegeben, nötige Hintergrundinformationen bei Bedarf. Aber GRAMMATIK IN FRAGEN UND ANTWORTEN ist tatsächlich noch mehr, es ist Teil des grammatischen Informationssystems GRAMMIS, das nach Ideen und unter der Leitung von Bruno Strecker am Institut für Deutsche Sprache entwickelt wurde. Damit können zu jeder Antwort, die auf eine einfache Grammatikfrage gegeben wird, immer noch zusätzliche Informationen über sogenannte Hyperlinks aufgerufen werden, von dort aus weitere Informationen und so fort, sodass schließlich die komplette Grammatik der deutschen Sprache zugänglich wird.