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Schlagwörter: Hilfsverb Passiv Verb Verbgruppe

Im Bahnhof hat er seine Brieftasche gestohlen bekommenBekommen-Passiv mit Verben, die das Gegenteil von bekommen bedeuten

Natürlich gibt es auch immer wieder haarsträubende Geschichten von Piraten, die Touristen überfallen, aber diese Gefahr ist auch nicht größer als die, in Hamburg die Handtasche gestohlen zu bekommen.
[Die Zeit (Online-Ausgabe), 14.10.1999, Nr. 42]
"Wenn die Ängste, dass man etwas weggenommen bekommt, zu groß sind, gibt es keine Bereitschaft zur Veränderung", sagte Schröder.
[Berliner Zeitung, 15.07.2002, S. 5]

Auch wenn sie ein wenig ungewöhnlich ist und von einigen eher als umgangssprachlich abgetan wird: So selten ist diese Konstruktion nicht. Die Kombination gestohlen bekommen wurde bei einer Google-Suche (September 2006) 1390 mal gefunden. Hätte man die Suche auf alle Formen von bekommen (bekommst/bekommt/bekamst/bekam/ usw.) erweitert, wäre die Anzahl der Treffer noch größer. Und ob diese Konstruktion wirklich "nur" umgangssprachlich verwendet wird, ist zweifelhaft. Man findet sie nicht nur in "chat-rooms" im Internet, sondern z.B. auch in der geschriebenen Sprache von auflagenstarken Zeitungen. Die Kombination bekommen + gestohlen kommt z. B. in den IDS-Textkorpora 90-mal vor. Die folgenden Beispiele muten denn auch nicht besonders umgangssprachlich an:

Auf offener Landstraße bekommt jemand sein Auto gestohlen, der Zuschauer sieht nur die Hände, die nach dem Schlüssel greifen. [die tageszeitung, 14.08.2001, S. 15]
Geld zu verlieren oder gestohlen zu bekommen, bedeutet über den unmittelbaren pekuniären Verlust hinaus eine Verletzung der Psyche. [Mannheimer Morgen, 31.12.2001; Mit dem Abschied von der Deutschen Mark leben bei vielen Menschen Erinnerungen auf]

Dennoch, es ist schon merkwürdig, dass einem etwas weggenommen wird und man dieses mithilfe einer Verbgruppe ausdrücken kann, in der ein Verb, wenn es allein verwendet wird, genau das Gegenteil bedeutet:

Ich habe ein Geschenk bekommen.
Zum Geburtstag bekam ich eine Theaterkarte.

Sogar in anderen Verwendungen wie Er bekommt graue Haare, Er bekommt Arbeit oder mit einem Infinitiv Er bekommt etwas zu tun geht es eigentlich darum, dass man danach etwas hat, das man vorher nicht hatte, und seien es Bauchschmerzen: Nach dem fetten Essen hat er Bauchschmerzen bekommen.

Wie ist es zu solchen Ausdrücken gekommen?

Das Vollverb bekommen, dessen übliche Verwendung durch einen Satz wie Zu seinem fünfzigsten Geburtstag hat Paul einen Füller bekommen illustriert wird, wird mit einem Akkusativobjekt (in dem Beispielsatz: einen Füller) verwendet. Mit diesem Akkusativobjekt wird das ausgedrückt, was jemand nach der "Schenkaktion" (im weiten Sinne) hat. Man ist dann dazu übergegangen, auch Handlungen, die jemand für eine Person ausführt und die ihr zu Gute kommen, mit dem Verb bekommen zu verbinden. Ein Satz, in dem ein solcher Übergang deutlich wird, ist z.B. der Satz aus dem Lustspiel "Leonce und Lena" von Büchner:

Und zu diesen köstlichen Phantasien bekommt man gute Suppe, gutes Fleisch, gutes Brot und das Haar geschoren. [Zitiert nach Askedal 1984:34]

Die ursprüngliche Bedeutung von bekommen verblasst langsam. Bekommen wird zum Hilfsverb. Mithilfe dieses Hilfsverbs und eines Partizips II können Sätze gebildet werden, die eine passivische Bedeutung haben. Statt Ihm wird ein Buch geschenkt kann man sagen Er bekommt ein Buch geschenkt. Statt Ihm werden die Haare geschnitten kann man sagen Er bekommt die Haare geschnitten. Daraus erklärt sich der in Grammatiken oft verwendete Name Bekommen-Passiv.

Dieser Gebrauch von bekommen (vor allem mit dem Partizip geschenkt – sozusagen als Verstärkung) ist im jetzigen Sprachgebrauch üblich (Google-Suche nach "geschenkt bekommen" im September 2006: 3.020.000 Treffer; IDS-Textkorpora: 1600 Treffer). Er ist aber keineswegs eine Neuerscheinung, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Weil Clelie bey dem Hinweggehen von dem Grafen ein halb dutzend sechzehn Groschen-Stücke geschenckt bekommen, wurde sie durch solche Freygebigkeit aufgemuntert, sowohl dem Grafen als Charmanten zu ihren Verlangen behülflich zu seyn. [Sincerus, Oesterreicherin, (Erstv. 1747), 1970]

Und auch Goethe verschmähte die Bekommen-Konstruktion nicht:

Übrigens ging es ihr vollkommen nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin, die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas geschenkt bekam. [Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre", Hamburger Ausgabe, Band 7, S. 173]

Letztendlich verblasst die ursprüngliche Bedeutung von bekommen in den passivischen Konstruktionen soweit, dass man in bekommen hier nur noch ein Hilfsverb zur Bildung des so genannten Bekommen-Passiv sieht, und es auch mit Partizipien von Verben wie stehlen oder wegnehmen verwenden kann.

Welchen Vorteil hat das Bekommen-Passiv?

Wenn jemand z.B. denjenigen, der die Handlung vollführt, nicht nennen möchte oder kann, kann er im Deutschen einen Passivsatz verwenden. Das Bekommen-Passiv wird von Verben gebildet, die, wenn sie in einem Aktivsatz verwendet werden, ein Nomen oder ein Pronomen im Dativ mit sich führen können. Die Alternative zum Bekommen-Passiv wäre die Verwendung eines Passivs mit werden, z.B. Ein Buch wird ihm geschenkt oder Ihm wird ein Buch geschenkt. Beide Werden-Passiv-Sätze haben einen auffälligen Satzbau, der dazu führt, dass - bei normaler Betonung des Satzes - im ersten Satz Buch hervorgehoben wird, und im zweiten ihm. Der Satzbau mit einem Bekommen-Passiv hingegen entspricht dem häufigsten Satzbau des Deutschen: Nominativ, Verb, Akkusativ (Partizip) wie z.B. in Er hat einen Apfel gegessen. Man kann auf den weniger gebräuchlichen Dativ, der in einem entsprechenden Satz mit werden vorkommt, verzichten und derjenige, der etwas bekommt, dem etwas Positives oder Negatives angetan wird, steht im Nominativ, der üblichsten und einfachsten Form im Deutschen. Da dieser Satzbau sehr üblich ist, gibt es keine besondere Hervorhebung, weder von der Sache, die jemand bekommt bzw. von der Handlung, die an jemanden vollführt wird, noch von der Person, die etwas bekommt bzw. der man etwas Positives oder Negatives antut.

Aktivsatz Werden-Passivsatz Bekommen-Passivsatz
Ich leihe ihm ein Buch Ihm wird ein Buch geliehen Er bekommt ein Buch geliehen
Er schneidet ihr die Haare Ihr werden die Haare geschnitten Sie bekommt die Haare geschnitten
Jemand stiehlt ihm die Brieftasche Die Brieftasche wird ihm gestohlen Er bekommt die Brieftasche gestohlen

Weiterführendes

Mehr über das "Bekommen-Passiv", wie es gebildet wird und was es leistet, findet sich hier:

Fachliteratur: Leirbukt (1997); Wegener (1985); Askedal (1984).