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Schlagwörter: Artikel Komparation Quantifikativ-Artikel

In keinster Weise — Quantifikationsartikel und Steigerung

Manchmal mag man sich nicht damit begnügen, einfach festzustellen, etwas komme nicht in Frage oder träfe nicht zu. Zu abwegig oder zu unverfroren scheint bereits die bloße Anmutung, es könnte doch so sein. Um seiner Entrüstung Ausdruck zu verleihen, kann man dann zu Formulierungen greifen wie gar nicht, überhaupt nicht, nicht im Geringsten, auf keinerlei Weise. Scheint auch dies nicht eindeutig genug, sucht mancher, auch noch den Ausdruck der Negation selbst zu steigern:

Biowaren aus dem Supermarkt sind jedenfalls keine Alternative, eher Kuckuckseier, die in keinster Weise den Kriterien der Bioproduzenten verpflichtet sind.
[die tageszeitung, 19.12.1987, S. 8]

Wie Wissel betonte, habe jedoch überhaupt keine Gefahr für die Kinder bestanden, da die Untersuchung in keinster Form in den Körper eingreift.
[die tageszeitung, 15.09.1990, S. 30]

Seine Gedanken sind komplex und vielschichtig und in keinster Art und Weise faschistisch oder gewaltbefürwortend!
[die tageszeitung, 07.05.1994, S. 48]

Bei einem Vergleich dieser beiden Generationen werden meistens die völlig differenten Lebensumstände und Möglichkeiten in keinster Form berücksichtigt.
[die tageszeitung, 03.12.1997, S. 14]

Ich will das in keinster Form idealisieren, weil dazu auch die Selbstausbeutung und selbst die Ausbeutung von Minderjährigen gehört.
[die tageszeitung, 31.03.2001, S. 25]

"Wir hatten keine Chance", wusste Vogts, "in keinster Phase."
[die tageszeitung, 02.04.2001, S. 16]

Gerade deshalb, weil keinerlei Punkte für die vorgetragenen Stücke vergeben wurden, war die Stimmung in keinster Art und Weise von grosser Nervosität, Anspannung oder Konkurrenzdenken geprägt.
[St. Galler Tagblatt, 05.05.1997, «Mega-Party» und friedlicher Wettstreit]

Die hohe Ehre schließt übrigens streckenerhaltende Maßnahmen in keinster Hinsicht aus.
[Die Presse, 08.01.2000, Leserbriefe: Aus für Weltkulturerbe?]

In einzelnen Punkten wäre zwar eine Ausnahme möglich, in dieser massiven Form habe das Vorhaben jedoch "keinste Aussicht auf Erfolg".
[Mannheimer Morgen, 30.01.2001, Kein Bauplatz]

Besorgte Zeitgenossen betrachten solche Ausdrucksformen als "Verhunzung" der deutschen Sprache, doch die immerhin 1170 Belege für derartige Formulierungen, die sich am 2. 8. 2006 in den Textkorpora des Instituts für Deutsche Sprache zur geschriebenen Sprache fanden, sind entschieden zu viele, als dass man sie als einfach Fehler abtun sollte, nicht zu sprechen von den weit über 1,2 Millionen Fundstellen, die Google am selben Tag auswies.

Für Grammatiker scheint der Fall klar: Kein- erlaubt keinerlei Steigerung, denn kein- ist ein Artikelwort (Quantifikativ-Artikel) und Artikelwörter können im Deutschen prinzipiell nicht gesteigert werden, schließlich kann man ja auch nicht sagen auf dieseste Weise oder in jenester Form. Aber ganz so einfach lässt sich die ungeliebte Erscheinung nicht als Mißgriff abtun. Bei nüchterner Betrachtung der Ergebnisse dieser Recherchen zeigt sich vor allem dies: Anders als etwa bei einzigst-, vollkommenst- oder optimalst- handelt es sich bei keinst- nicht um eine produktive Wortform, die mit nahezu beliebigen Nomina kombiniert werden könnte:

Bei insgesamt 1170 Fundstellen für keinst- in den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache findet sich 1153 mal keinste(r) Weise (98,55%), 4 mal keinste(r) Art und Weise (0,34%), 6 mal keinste(r) Form (0,51%), 2 mal keinste(r) Phase (0,17%), je 1 mal keinste(r) Aussicht und Hinsicht (0,08%).

Anders auch als bei den genannten intensivierten Superlativen finden sich so gut wie keine entsprechenden Komparativformen: Von ganzen zehn Fundstellen in den Textkorpora erwiesen sich sechs als reine Schreibfehler (keinere statt kleinere).

Man kann deshalb wohl festhalten, dass es sich um eine in bestimmten Kreisen zur Redewendung gewordenen sprachliche Spielerei handelt, die darauf abzielt, eine Vermutung oder auch eine Zumutung besonders eindeutig zurückzuweisen. So gesehen gehört in keinster Weise in eine Reihe mit Ausdrücken wie nicht die Bohne, überhaupt nicht, nicht ums Verrecken, im Leben nicht und dergleichen mehr, die alle dazu dienen, eine Zurückweisung mehr oder weniger drastisch zu gestalten, ohne damit die Zurückweisung als solche in irgendeiner Weise zu steigern. Zu einem allgemein gebräuchlichen Mittel der Intensivierung hat sich keinst- jedoch bis heute nicht entwickelt.