grammis 2.0

das grammatische informationssystem des instituts fur deutsche sprache (ids)
                                                                                              Information
Korpusgrammatik Grammatik in
Fragen und Antworten
Systematische
Grammatik
Grammatische
Fachbegriffe
Grammatisches
Wörterbuch
Grammatische
Bibliografie
                                                         
 

Fragenkategorien

Alle bearbeiteten Fragen

Zu Ehren von Bruno Strecker

Was Sie schon immer über Grammatik wissen wollten

Ihre Themenvorschläge

Hilfe

[Impressum] [Datenschutzerklarung]

                                                                           
Schlagwörter: Genitiv Genitivattribut Mengenangabe

Ein Glas Wein oder ein Glas Weines? — Maßkonstruktionen

Die Antwort auf diese Frage fällt hier und heute eindeutig aus: Es heißt ein Glas Wein, nicht ein Glas Weines. Dafür sprechen eindeutige Zahlen:

Glas Wein Glas Wein(e)s
Google: ca. 699.000 203
Cosmas: 1.621 2

Daran ändert sich nahezu nichts, wenn man weitere typische Maßangaben einbezieht:

Gramm Gold Gramm Gold(e)s
Google: ca. 32.400 5
Cosmas: 136 0

Liter Bier Liter Bier(e)s
Google: ca. 201.000 25
Cosmas: 852 0

Tasse Tee Tasse Tees
Google: ca. 359.000 169
Cosmas: 658 0

Suchergebnisse vom 16. Februar 2007

Die Variante, bei der die gemessene Substanz in Form eines Genitivattributs angegeben wird, tritt dermaßen selten auf, dass man sie aus heutiger Sicht als simplen Fehler abtun könnte. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht einfach um einen Fehler, sondern um Reste eines früheren Sprachgebrauchs, weshalb die entsprechenden Formen auch weniger falsch als reichlich antiquiert wirken.

Hier einige Belege zum Raummaß Fuder — die ältesten reichen zurück bis ins Spätmittelalter:

swelch unser burgere me bruwit zu eyme iare den zwenzik vudir birs, der gibt vier marke dem rate
[Datierung: 1300, Fundstelle: NMittThürSächs. 3, 1 (1836) 69]

das torf ze F. gut ze stúre bi dem meisten 9 fuder wins, 13 (pfund), zem minsten 7 fuder wins und 11 (pfund)
[Datierung: 1306. Fundstelle: HabsbUrb. I 11]

sal man nemen von dem vodir wines 33 grozer turnos
[Datierung: 1317. Fundstelle: FrankfUB.(Lau) II 71]

ein fuder wins, das sint 22 amen
[Datierung: 1464, Fundstelle: RappoltsteinUB. IV 333]

In jener Nacht sie wurden eins:
Vier Fuder Bacharacher Weins
Der Ruprecht seinem Kaiser gab,
Dafür die Krone trat ihm ab
Der Wenzel als ein Weiser.
So ward der Kurfürst Kaiser.
[Leopold Jacoby: Es werde Licht. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky, S. 289459. http://www.digitale-bibliothek.de/band125.htm — Erstdruck: Berlin 1871.]

Auch wenn diese Form der Maßangabe vorzeiten durchaus verbreitet war, so stand sie schon früh in Konkurrenz zu der heute allein gängigen Form:

giltet fur den zins 5 fuder win Boznere maze
[Datierung: 1288. Fundstelle: UrbMeinh. 108]

bey jedem Teil wurden V Fuder Meel / IV Fuder Wein / und VI Fuder Fleisch und Fische / nebest 6000 Kronen wert silbern Münze geleget / solches alles unter die Armut in den dreyen Städten / weß Glaubens sie auch seyn möchten / außzuteilen.
[Andreas Heinrich Buchholtz: Des Christliche Teutschen Herkules [...] Wunder-Geschichte. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky, S. 74662. http://www.digitale-bibliothek.de/band125.htm — Erstdruck: Braunschweig (Zilliger) 1659/60. ]

Dass nicht etwa nur verschiedene Schreiber verschiedene Vorlieben hatten, wenn sie Maßangaben machten, zeigen die folgenden Beispiele, beide von derselben — Goethes! — Feder:

Liebes Mädchen! Ein Glas schäumenden Weines herbei.
[Johann Wolfgang von Goethe: Epigramme. Venedig 1790. Werke, S. 1519. http://www.digitale-bibliothek.de/band4.htm]

Ein Glas Wein schmeckt auf so einen Strauß.
[Werke: Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Werke, S. 2958. http://www.digitale-bibliothek.de/band4.htm ]

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich dann, dass die Variation, wie sie hier bei Goethe festzustellen ist, durchaus System hat. Während bei "nackten" Maßangaben die Form Mengenangabe + Substanzangabe mittels unflektiertem Nomen bevorzugt wird, geben Schreiber auch heutzutage noch die Substanz gern in Form eines Genitivattributs an, wenn diese mittels eines adjektivischen Attributs spezifiziert wird:

Der Gesamtkonsum verteilt sich auf 121 Mio. Liter einheimischen und 174 Mio. Liter ausländischen Weines.
[St. Galler Tagblatt, 03.09.1999, Weniger Ertrag der Kantonalbanken]

Wunderbarerweise kamen ein paar Dosen eiskalten Bieres aus der Seite der Dreihals-Doppelkolben-Violine auf Rädern zum Vorschein.
[die tageszeitung, 16.01.1989, S. 20-21]

Eine Meerschweinchenkeule bringt es auf 30 Gramm kräftigen und mageren Fleisches.
[die tageszeitung, 10.12.1997, S. 20]

Die Eindrücke dieser Route lassen sich in Chamonix bei einem Glas trockenen Weines aus Savoyen leichter verarbeiten.
[Vorarlberger Nachrichten, 05.04.1997, In Chamonix genießt jeder auf seine Art]

Der Mann und die Frau, die damals anläßlich einer Feierlichkeit beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Kladow aus Protest gegen die Mittelamerikapolitik Warnkes ein Glas roter Farbe über den Minister gekippt hatten, waren unerkannt entkommen.
[die tageszeitung, 04.07.1988, S. 17]

Auch wenn bei solchen Maßangaben die Substanzen häufiger in Form des Genitivattributs aufgeführt werden, kann nicht davon die Rede sein, dass sie zur Regel geworden seien. Es finden sich ebenso Belege für Maßangaben, bei denen die Substanzangabe denselben Kasus annimmt wie die Nennung des Maßes:

Alles, woran sie denken konnten, war frische Luft und ein Glas kaltes Wasser.
[die tageszeitung, 05.01.1991, S. 17]

Der Narr ist ein Buch für kalte Winterabende, zu lesen in einem wohlgeheizten Raum, wenn es geht, vor einem lauschigen Kamin, noch besser vor einem irischen Torffeuer, mit einem Glas irischem Whiskey in Reichweite.
[die tageszeitung, 11.01.1992, S. 15]

Unentscheidbar bleibt die Art der Konstruktion logischerweise, wo die Maßangabe insgesamt im Genitiv erfolgt:

Das Wohlbefinden und der gewisse Life-Style-Charakter dieser äußeren Therapie wird durch eine "innere" Therapie in Form eines Glases Silberberger Weines ergänzt.
[Kleine Zeitung, 03.12.2000, Heilsame Kräfte]

Eine exemplarische, wenn auch sicher nicht repräsentative Suche nach den Ausdruckssequenzen der Formen 'Flasche + Adjektiv + Weines' und 'Flasche + Adjektiv + Wein' in den Textkorpora des Instituts für Deutsche Sprache erbracht nur ein leichtes Plus für die Form mit Genitivattribut: 16 : 15.

Die weitgehende Gleichverteilung, die sich hier zeigt, ist allerdings nur bei schriftlichen Äußerungen zu beobachten. In mündlicher Rede hingegen wirken die Formen mit Genitivattribut wie ein Ballkleid auf dem Jahrmarkt. Wer es nicht bewusst darauf anlegt, mit seiner Formulierung Aufsehen zu erregen, ist gut beraten, diese Formen im Alltag eher zu vermeiden.