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Schlagwörter: Akkusativ Apposition Dativ Datum Deklination Flexion Kasus

Am Montag, dem 15. Mai oder am Montag, den 15. Mai — Wochentage mit Datumsangabe

Der Apfel hängt am Baum, den schönsten auf der Wiese.

Klingt das nicht völlig falsch? In am Baum verbindet sich die Präposition mit dem Dativ (an + dem Baum), aber den schönsten auf der Wiese - die so genannte Apposition - steht im Akkusativ. Die Apposition ist ein Nachtrag, der sein Bezugswort näher erläutert. Und eine Apposition übernimmt - was uns bei dem Beispiel auch ganz logisch erscheint - den Kasus des Wortes, zu dem sie gehört. Also heißt es korrekt:
Der Apfel hängt am Baum, dem schönsten auf der Wiese.

Warum aber sind wir bei der Datumsangabe, die einen Wochentag näher bestimmt, so unsicher mit dem Kasus? Der Wochentag in am Montag steht eindeutig im Dativ, also wäre es doch nur logisch, wenn die Datumsangabe als Apposition ebenfalls immer im Dativ stünde: am Montag, dem 15. Mai.
Allerdings klingt am Montag, den 15. Mai genauso gut oder besser, und allzu oft schwankt man beim Schreiben zwischen den beiden Versionen und weiß nicht, welche denn nun die richtige ist. (Für eilige Leser gleich vorneweg: Man kann beide Formen benutzen, ohne sich berechtigter Kritik auszusetzen.)
Selbst berufsmäßige Schreiber scheinen sich da nicht sicher zu sein:

Am Montag, den 9. April, fühlten wir uns in dieser Situation schon derart zu Hause, daß ich das Bunker- und Ruinenleben kaum noch als etwas Besonderes in mich aufnahm.

Am Freitag, dem 6. April, stiegen wir früh vom Bahnhof nach Pfaffenhofen hinunter und hinein, frühstückten im Bräuhaus Müller, aßen dort auch zu Mittag, schlenderten ein bißchen durch den Ort.
[beide Belege aus: Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Bd. 2, Tagebücher 1942-1945]

Worauf könnte dies zurückzuführen sein? Neben Datumsangaben, die mit am eingeleitet werden, finden sich nicht selten auch Angaben, bei denen der Wochentag ohne Präposition unmittelbar vor einer Datumsangabe im Akkusativ auftritt:

Heute, Montag, den 8. 1. 2001, findet unsere erste Singstunde im neuen Jahr um 20.15 Uhr in der Kegelsporthalle statt.
[Mannheimer Morgen, 08.01.2001]

Wird die Angabe des Wochentags um ein adjektivisches Attribut erweitert, ist sie eindeutig als akkusativisch zu erkennen:

Nächsten Sonntag, den 15. 7. wird die Fam. Baker verabschiedet.
[Mannheimer Morgen, 07.07.2001]

Montag, den 15. Mai mit der Datumsangabe im Akkusativ und am Montag, dem 15. Mai im Dativ sind gleichbedeutend und somit austauschbar. Einige Grammatiker glauben, dass die beiden aus diesem Grund häufig vermischt werden zu am Montag, den 15. Mai. Diese Konstruktion ist dann nicht länger als Bezugswort + Apposition zu betrachten, sondern als Bestimmung eines Wochentags verbunden mit einer heute formelhaft wirkenden Datumsangabe.

Historischer Exkurs

Was heute schon leicht altertümlich wirkt, war lange Zeit die übliche Form einer Datumsangabe:

An Goethe
Kassel, den 15. Mai 1807
»Liebe, liebe Tochter! Nenne mich für alle Tage, für alle Zukunft mit dem einen Namen, der mein Glück umfaßt; mein Sohn sei Dein Freund, Dein Bruder, der Dich gewiß liebt usw.«
[Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, S. 6528, www.digitale-bibliothek.de/band1.htm]

Den 15. Jun.
Von Matlock fuhren wir heute um 11/2 Uhr Nachmittags ab. Der Weg ging bis Cromford, wo ein neuer schiffbarer Kanal angelegt wird, in dem schönen Derwentthale fort.
[Georg Forster: Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, S. 37330, www.digitale-bibliothek.de/band1.htm ]


Carl August Schmid
Carl August Schmid, Calw, den 16. Dezember 1870

Auf jeden Fall aber ist letztere Konstruktion (am Montag, den 15. Mai) schon sehr alt. Vielleicht sogar älter als die Konstruktion mit dem Dativ. Denn bei einer Recherche im Historischen Korpus, das zu den Textkorpora des Instituts für Deutsche Sprache gehört und das hauptsächlich Zeitungstexte aus den Jahren 1700 bis 1945 enthält, wurde kein einziger Beleg für die Dativkonstruktion gefunden, aber 21 Belege für die Datumsangabe im Akkusativ.

Historische Beispiele für "am + Wochentag + Datumsangabe im Akkusativ" (Abschnitt ein-/ausblenden)

Am Dienstag den 12. April Vormittags II Uhr werden in der Gemeinde Godesberg vor dem Gemeindehause, etwa bis vierzigtausend Stück Ziegelsteine, meistbietend gegen baare Zahlung öffentlich versteigert werden.
[Bonner Wochenblatt, 10.04.1831]

Mit den Zusammensein am Sonntag den 12. November verband der Verein die Feier von Schillers Geburtstages.
[Arbeiter-Zeitung, 03.12.1865]

Am Sonntag den 29. Jan. soll behufs definitiver Konstituierung die erste Versammlung im Gasthof z. Löwen abgehalten werden.
[Tübinger Chronik, 19.01.1888]

Die Konstruktion findet sich auch bei Goethe:

Noch trefflichen Männern wartete ich auf; es war am Freitag den dritten Oktober.
[Johann Wolfgang von Goethe: Tag- und Jahreshefte 1817, Band 10, S. 496]

Und in einem Briefratgeber aus dem 16. Jahrhundert heißt es:

Odder / der mit meinem anhangeden insiegel versigelt / und gegeben ist am Montag nach der heimsuchung Marie / den andern (d.h. zweiten) July / Nach Christi geburt funffzehn hundert und im einunddreissigisten jarn.
[Frangk, Fabian: Ein Cantzley und Titel buechlin, 1531]

Eventuell geht sie auch auf eine Formulierung zurück, die man heute nur noch selten antrifft. Analog zu wir schreiben einen Brief (Akkusativ) heißt es:

Wir schreiben Donnerstag, den 21. November 2004. Der Kommissar Schneider harkt mit einer nagelneuen Harke seine Rabatten im Garten.
[die tageszeitung, 12.10.1995, S. 20]

Heute nun , man schrieb den zwölften August , war ein besonders heißer Tag , und der Wimmer Sepp schwitzte so arg , daß er immer wieder die Mütze vom Kopf nehmen und das Lederband abwischen mußte , während er in der prallen Sonne die Straße hinanstieg .
[Else Jung: Die Magd vom Zellerhof 1965, S. 11]

Nicht nur in dieser, sondern auch in vielen anderen Konstruktionen wie etwa "Ort + Datum" steht die Datumsangabe traditionellerweise im Akkusativ. Auch dadurch könnte die Angabe mit Wochentag am Montag, den 15. Mai beeinflusst sein:

So geschehen und gegeben zu Berlin, den 25. Dezbr. 1797.
[Danziger Zeitung, 06.01.1798, S. 4]

Dieß geschah in der lateinischen Schrift, wodurch er den 24 März 1749 zu Anhörung der Abschiedsrede eingeladen, welche des seligen Herrn jüngster Sohn, Johann Franz Wagner, der seit 1763 wohlverdiente, angesehene, und sehr beliebte Professor und Rektor des Rathsgymnasiums zu Osnabrück, öffentlich gehalten hat.
[Akzidenzdruck Nr. 131 (Dr. 10.7.1777), 1987, S. 6]

Wie sieht's heute aus?

Wie häufig die Konstruktion "am + Wochentag + Datumsangabe im Akkusativ" heute vorkommt und welchen Unterschied es zudem zwischen Schrift- und Umgangssprache gibt, lassen folgende Recherchen erahnen (im September 2006):

Gesucht wurde zum einen in den Textkorpora des Instituts für Deutsche Sprache, die eher normorientiert geschriebene Texte enthalten. Dabei kam folgendes Ergebnis heraus:

Quelle am + Wochentag + Datumsangabe im Dativ am + Wochentag + Datumsangabe im Akkusativ
Textkorpora des IDS
(COSMAS-Suchmaschine)
89 % (38.104) 11 % (5.118)

Zum anderen wurde für einige Wochentage nach entsprechenden Konstruktionen mit der Suchmaschine Google im Internet gesucht, wo auch viele umgangssprachliche Texte vertreten sind. Dabei kam es zu ganz anderen Ergebnissen:

Quelle am Dienstag, dem am Dienstag, den
Internet 26 % (526.000) 74 % (1.460.000)
Quelle am Freitag, dem am Freitag, den
Internet 26% (809.000) 74% (2.340.000)

Quelle am Sonntag, dem am Sonntag, den
Internet 27 % (658.000) 73 % (1.760.000)

Zum Einzelvergleich: Cosmas-Ergebnis für "Dienstag" (Abschnitt ein-/ausblenden)


Quelle am Dienstag, dem am Dienstag, den
Textkorpora des IDS
(COSMAS-Suchmaschine)
87 % (5.352) 13 % (785)


Anders als diese Ergebnisse vielleicht suggerieren könnten, ist die Konstruktion mit dem Akkusativ nicht auf umgangssprachliche Texte beschränkt, sondern sie ist auch in bildungssprachlichen Texten stark etabliert:

Das Land Niedersachsen wird sich nicht an dem europaweit autofreien Tag am Freitag, den 22. September beteiligen, SPD und CDU lehnten den grünen Antrag im Landtag ab.
[die tageszeitung, 14.09.2000, S. 21]

Das Anwesen, Hs. Nr. 9a in Wasserburg a.B. (Brem) wird am Montag, den 23. November 1932, nachmittags 3 Uhr im Nebenzimmer der Bahnhof-Restauration in Wasserburg durch das Bürgermeisteramt Wasserburg freihändig öffentlich versteigert.
[Martin Walser: Ein springender Brunnen 1998]

Ich bin geboren am Sonntag den 6. Juni 1875 mittags zwölf Uhr.
[Thomas Mann: Lebenslauf 1936, S. 450]

Kann eine Schreibweise empfohlen werden?

Welche Konstruktion benutzt man denn aber nun? "Anerkannt" sind im Grunde alle drei, sowohl am Montag, dem 15. Mai als auch Montag, den 15. Mai und auch am Montag, den 15. Mai. Legt man Wert auf grammatische Transparenz oder Begründbarkeit, ist man mit der Konstruktion im Dativ auf jeden Fall auf der sicheren Seite:

Der zweite Teil (Das Finale) folgt am Montag, dem 5. Juli, zur gleichen Zeit.
[Die Zeit (Online-Ausgabe), 24.06.2004]

Oder man lässt die Präposition am weg und setzt die Datumsangabe in den Akkusativ:

Mittwoch, den 10. Januar, wird der "Briefannahme-Automat" in der Postfiliale Domsheide aufgestellt.
[die tageszeitung, 09.01.1996, S. 22]

Will man sich dagegen in die sprachhistorische Tradition einreihen und so formulieren, wie es seit langem üblich ist, wählt man die dritte Variante. Hierbei empfehlen Nachschlagewerke (Duden. Richtiges und gutes Deutsch, 2005 und Wahrig. Fehlerfreies und gutes Deutsch, 2002), auf das Komma nach der Datumsangabe zu verzichten wie in folgendem Beispiel:

Die Sitzung findet am Dienstag, den 26. April in Berlin statt.
[ Duden. Die Grammatik, 7.Aufl., 2005, S. 993]

Eher unüblich oder sogar für manche unakzeptabel ist die Konstruktion "Wochentag ohne Präposition bzw. im Akkusativ + Datumsangabe im Dativ" (nächsten Montag, dem 15. Mai), aber auch dafür finden sich einige Belege in den Textkorpora des Instituts für Deutsche Sprache. Diese lassen vermuten, dass die Konstruktion in Österreich etwas gängiger ist.

Beispiele für "Wochentag ohne Präposition/im Akkusativ + Datumsangabe im Dativ" (Abschnitt ein-/ausblenden)

Im Hofsteigsaal in Lauterach findet morgen, Dienstag, dem 11.11. um 19 Uhr der 1. Guggatreff bei freiem Eintritt statt.
[Vorarlberger Nachrichten, 10.11.1997]

Nächsten Samstag, dem 6. Mai, kann man einer Töpferin aus Splügen und einem Steinmetz aus Andeer bei ihrem Handwerk über die Schultern schauen.
[St. Galler Tagblatt, 02.05.2000]

Bei einem Kabarettabend mit Bernhard Ludwig bekommen Sie kommenden Dienstag, dem 4. November, eine "Anleitung zum Herzinfarkt".
[Kleine Zeitung, 31.10.1997]

Professor Dr.techn. Dr.h.c.mult. Otto Kratky, der als Pionier der makromulekularen Strukturforschung gilt, feiert heute, Montag, dem 9. März, seinen 90. Geburtstag.
[Salzburger Nachrichten, 07.03.1992]

Für Mittwoch, dem 14. Mai um 15 Uhr, wird zu einer Kundgebung vor dem Argentinischen Generalkonsulat im Mittelweg 141 aufgerufen.
[die tageszeitung, 12.05.2003, S. 22]

Nach der Pemiere sind weitere Aufführungen für Freitag, dem 5. Mai, um 19 Uhr, für Samstag, dem 15. Mai, um 16 Uhr und für Freitag, dem 18. Juni, um 19 Uhr angesetzt.
[Tiroler Tageszeitung, 27.04.1999]

Das für Montag, dem 23. Juni, in Wiesen angesagte Konzert der Rock-Legende Neil Young und seiner Band Crazy Horse wurde abgesagt.
[Neue Kronen-Zeitung, 19.06.1997]

Davon kann keine Rede sein: so treffen zum Beispiel die EG-Minister erst kommenden Montag, dem 3. März zusammen, um ihre gemeinsame Verhandlungslinie abzustimmen.
[Die Presse, 29.02.1992]

© IDS Mannheim. Zuletzt geändert am 16.11.2006 19:08.