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Kann der Chefarzt eine Ärztin sein? - Generisches Maskulinum

Wenn wir von Menschen sprechen, haben wir offenbar nicht immer das Bedürfnis, explizit von männlichen oder weiblichen zu sprechen; wir denken einfach nur an Menschen an sich. So ist im folgenden Zeitungstext das biologische Geschlecht nicht eigens ausgedrückt, es geht um d i e Ärzte und d e n Arzt an sich, um Menschen einer bestimmten Berufsgruppe, deren Geschlecht uns hier nicht wirklich interessiert:

Die Kostenfrage beschäftigt auch die Krankenkassen. Sie zu beantworten, ist allerdings schwer: Nacht- und Wochenendfahrten der Hausärzte werden aus dem Gesamtbudget bezahlt. Berechnet wird, was der Arzt am Patientenbett tut, seine Anfahrtsstrecke, außerdem gibt es Nachtzuschläge.
[die tageszeitung, 21.2.2006, S. 24]

Nur wenn wir explizit auf das biologische Geschlecht aufmerksam machen möchten, gehen wir ins Detail:

Denn der Arzt ist eine Ärztin, heißt Elisabeth und ist Gudrun von Berufs wegen noch bestens bekannt, hatten die beiden doch unlängst eine kreative, verbale Auseinandersetzung zum Thema Falschparken.
[http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/110395/index.html]

Ein Problem ist diese Regelung eigentlich nur, wenn man glaubt, dass man das biologische Geschlecht, besonders das weibliche, immer und überall bewusst machen sollte. Oder wenn man das grammatische mit dem biologischen Geschlecht verwechselt.

Was unterscheidet überhaupt das grammatische vom biologischen Geschlecht?

  • Alle Nomina, sowohl Personenbezeichnungen als auch Nichtpersonenbezeichnungen, haben ein grammatisches Geschlecht, das Genus. Im Deutschen gibt es drei:
    1. Maskulinum (der Mann, der Wald, der Friede)
    2. Neutrum (das Kind, das Haus, das Verlangen)
    3. Femininum (die Frau, die Wolke, die Freude)
    Andere Sprachen haben auch nur zwei oder gar keins.
  • Alle Menschen haben ein biologisches Geschlecht, den Sexus.
    Es gibt männliche und weibliche Menschen.

Grammatisches und biologisches Geschlecht stimmen meist, aber nicht immer überein: So meinen wir zwar tatsächlich mit der Unhold einen Mann und mit die Hexe eine Frau; dagegen meinen wir mit die Memme einen Mann und mit der Blaustrumpf eine Frau. Vgl. ausführlich Genus und Sexus.

Mit einigen Bezeichnungen für Menschen können wir uns sexusneutral ausdrücken: Mit die Person etwa bezeichnen wir sowohl eine Frau als auch einen Mann:

So hat Panter zum Beispiel in einer Kneipe erfahren, dass die gesuchte Person verhaftet worden sei - der Mann saß tatsächlich wegen Diebstahl ein.
[http://www.abendblatt.de/daten/2002/07/13/46249.html]
Sinan vermutet, dass die gesuchte Person eine Frau ist, die er von einem Foto kennt.
[http://www.filmwochenende.de/index.php?option=com_search&searchword=bul]

Solche Bezeichnungen haben, wie man in der Linguistik sagt, ein generisches Genus (zu lat. generatim 'klassenweise, im Allgemeinen'). Generisch können alle drei Genera verwendet werden: Der Mensch, das Kind, die Person bezeichnen Menschen beider Sexus. Vgl. ausführlich Generische Genera. Weil es im Deutschen sowieso viele Maskulina gibt, verwundert es nicht, dass es auch viele generische Maskulina gibt, deutlich mehr jedenfalls als generische Feminina oder Neutra. Auch die meisten Berufsbezeichnungen sind generische Maskulina: der Arzt, der Lehrer, der Schreiner, der Bäcker, der Chemiker, der Pilot, der Linguist.

Feministen mögen das generische Maskulinum nicht. Sie wollen, dass das weibliche Geschlecht eines Menschen immer und überall bewusst gemacht wird, und das wollen sie durch einen Eingriff in die Sprache erreichen: Hardlinerinnen hätten gerne, dass als generische Ausdrücke nur noch Feminina zugelassen sind. Das scheint auf gewisse Widerstände zu treffen.

Durchgesetzt wurde im Deutschen aber ein anderer feministischer Vorschlag, nämlich generische Genera zu ignorieren und mit Maskulina nur noch Männer, mit Feminina nur noch Frauen zu bezeichnen. Für Berufsbezeichnungen in Stellenausschreibungen ist das verbindlich geregelt im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, das seit dem August 2006 rechtskräftig ist. Danach sollen Stellenangebote explizit auch Frauen ansprechen. Beliebt, wenn auch kompliziert zu lesen sind grafische Lösungen wie diese:

An der Universität Bremen ist im Institut für Theoretische Elektrotechnik und Mikroelektronik (ITEM, Fachbereich Physik, Elektro- und Informationstechnik) im Arbeitsbereich von Herrn Prof. Dr. Steffen Paul unter Vorbehalt der Stellenfreigaben ab sofort befristet eine Stelle für eine/einen Wissenschaftliche/n Mitarbeiter/in mit der vollen regelmäßigen Wochenarbeitszeit in der Entgeltgruppe 13 TV-L für die Dauer von 36 Monaten mit der Möglichkeit der Verlängerung zu besetzen.
[http://www2.bremen.de]

Unter anderen Stickel (1998) beschreibt, welche sprachlichen Verumständlichungen die dauernde Sichtbarmachung des biologischen Geschlechts mit sich bringt. Namentlich in justiziablen Texten wird es hier holprig:

1. Die Mitglieder des Jugendrates sind verpflichtet, an den Sitzungen teilzunehmen. 2. Bei Verhinderungen zeigen sie ihr Ausbleiben vor Beginn der Sitzung der oder dem Vorsitzenden des Jugendrates bzw. dessen Stellvertreter/in und legen ihr/ihm die Gründe dar. 3. Fehlt ein Mitglied mehr als einmal unentschuldigt, muss die/der Vorsitzende sie/ihn schriftlich ermahnen.
[Mannheimer Morgen, 27.12.2000]

Ganz korrekt müsste dieser Text übrigens heißen:

... zeigen sie ihr Ausbleiben vor Beginn der Sitzung der oder dem Vorsitzenden des Jugendrates bzw. deren/dessen Stellvertreter/in und legen ihr/ihm die Gründe dar ...

Korrespondenzregeln (Abschnitt ein-/ausblenden)

Das biologische Geschlecht immer und überall zu nennen, bringt übrigens auch noch andere Probleme mit sich:
Üblicherweise stimmen ein Wort und seine korrespondierenden Einheiten formal überein:
Das Mädchen ist erst zwei Jahre alt, aber es kann schon seinen Namen schreiben.
Fehlt ein Mitglied mehr als einmal unentschuldigt, muss die/der Vorsitzende es schriftlich ermahnen.

Entgegen dieser Regel wird bei Wörtern mit einem Genus, das nicht dem Sexus des Bezeichneten entspricht, mitunter eine dem Sexus entsprechende Form gewählt:
Das Mädchen ist erst zwei Jahre alt, aber sie kann schon ihren Namen schreiben.
Fehlt ein Mitglied mehr als einmal unentschuldigt, muss die/der Vorsitzende sie/ihn schriftlich ermahnen.

Für Wörter wie Arzt sind Schrägstrichlösungen nun allerdings nicht optimal, weil sich Arzt durch den Umlaut vonÄrztin unterscheidet. Hier werden deshalb häufig beide Formen ungekürzt nebeneinander gestellt. Auch das ist relativ umständlich:

Stellenbezeichnung: Fachärztin/Facharzt in Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
[http://www.klinikum-merseburg.de]

Nur selten noch wird Arzt als generisches Maskulinum eingesetzt, als Oberbegriff für weibliche wie männliche Ärzte. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz müssen dann beide Sexus noch einmal eigens expliziert werden:

Wir suchen für den orthopädisch-unfallchirurgischen Fachbereich in unserer MediClin Dünenwald Klinik Fachklinik für Innere Medizin, Kardiologie, Pneumologie, Orthopädie und spezielle Schmerztherapie 1 Oberarzt (m/w)
[http://www.mediclin.de]

Außerhalb von staatlich beobachteten Stellenausschreibungen wird neben der Schrägstrichvariante vor allem die informelle Binnen-I-Variante präferiert. Die tageszeitung ist bekannt dafür, dass sie das Binnen-I konsequent anwendet:

Das alles führt unter anderem dazu, dass von den wenigen SchulmusikstudentInnen, die anfangen, nur rund die Hälfte später tatsächlich LehrerIn wird.
[die tageszeitung, 05.09.2001, S. 22]

Im folgenden Beleg fragt man sich dann aber doch, ob es an deutschen Universitäten keine Professorinnen, Elevinnen und Hochschullehrerinnen gibt. Wenn schon, denn schon...

Würde, zum Beispiel, die Uni Heidelberg mit einigen Fakultäten in die Eliteförderung kommen, mit anderen aber nicht, ergäbe sich folgendes Bild: Es gibt dann kleine, handverlesene Grüppchen, in denen ein Professor für 8 Eleven da ist; und nebenan drängeln sich 40 Studierende, um einen Hochschullehrer richtig verstehen zu können. 1:40 ist die Betreuungsrelation Professor: StudentIn in Deutschland, an Unis wie Bonn oder Köln beträgt sie gar 1:70 bzw. 1:120.
[die tageszeitung, 18.2.2004, S. 19]

Wie auch dieser Beleg zeigt, wird mitunter auf alternative Ausdrücke ausgewichen: So gilt es als politisch besonders korrekt, nicht mehr generisch der Student zu sagen, sondern nach Sexus zu unterscheiden in der Studierende und die Studierende. So auch: der Lehrende, die Lehrende, der Vorsitzende, die Vorsitzende. Der Plural die Studierenden soll dann offenbar eher als die Studenten sowohl weibliche wie männliche Personen einbeziehen. Dennoch halten sich quantitativ beide die Waage: In Google fanden sich am 15.11.2007 rund 1.700.000 Belege für die Studierenden neben ebensovielen für die Studenten.

Vgl. auch Frau Professor oder Frau Professorin? — Deutsche Wortbildung und Political Correctness

FAZIT
Generische Maskulina wie der Chefarzt sind praktisch, weil man ja nicht immer und überall das biologische Geschlecht eines Menschen thematisieren muss. Diejenige/derjenige, die/der das aber doch muss, soll es/sie/ihn eben tun.