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Schlagwörter: Deklination Eigenname Flexion Genitiv geografischer Name Ländername

Auf der anderen Seite des Atlantiks oder des Atlantik? — Genitivmarkierung bei geografischen Namen

Ist es denn nicht merkwürdig, dass eine solche Frage gestellt wird? Man lernt doch in der Schule, dass ein Nomen im Genitiv Singular Maskulin oder Neutrum normalerweise die Genitivmarkierung (e)s bekommt: der Hut des Vaters/des Mannes; auf der anderen Seite des Flusses/des Bach(e)s/des Bürgersteigs/des Schlosses...

Und doch gibt es nicht wenige Texte, in denen diese Regel nicht angewandt wird:

Das zusammenwachsende Europa verdiene kein Misstrauen auf der anderen Seite des Atlantik, versicherte Rau.
[Berliner Zeitung, 05.05.2000, S.5]

In der gleichen Zeitung findet man aber auch

Jeder Interessierte soll wissen, was gerade auf der anderen Seite des Atlantiks passiert.
[Berliner Zeitung, 25.03.2000, S.1]

weitere Beispiele (Abschnitt ein-/ausblenden)

Schüler erfahren, welcher Weg zu einem Lycée jenseits des Rhein führt.
[Frankfurter Runschau, 29.07.1997, S.12]
Durch das Unwetter stiegen auch die Wasserpegel des Neckar und seiner Zuflüsse erheblich an.
[Mannheimer Morgen, 12.08.2002; Das Wetter spielt weiterhin verrückt]
Die Inseln der Südsee: das Venedig des Pazifik.
[die tageszeitung, 14.03.2002, S.20]
Die Elfenbeinküste ist das wichtigste Land des frankophonen Afrika.
[die tageszeitung, 17.12.1999, S.10]

aber auch

So hofft etwa das Mercedes-Management, wenn es im Elsaß eine Fabrik eröffnen will und auf der anderen Seite des Rheins die Wogen hochgehen, auf den beruhigenden Einfluss der Arbeitnehmervertreter.
[Frankfurter Rundschau, 22.09.1999, S.15]
An einigen Stationen wird Interessantes zu entdecken sein, und der Verlauf des ehemaligen Neckars erkennbar.
[Mannheimer Morgen, 22.05.2003; Gehört Viergötterstein zur Jupiter-Säule?]
Und in den Wasserweiten des Pazifiks sind Giftfässer aus zerstörten Containern nun viel schneller aufzuspüren.
[die tageszeitung, 17.07.2003, S.5]
Gestern traten die Staats- und Regierungschefs des frankophonen Afrikas in der Elfenbeinküste zusammen.
[die tageszeitung, 08.02.2002, S.10]

Man findet in den Zeitungen, auch in denen, aus den die oben zitierten Beispiele stammen, keine Belege für *der Hut des Vater/des Mann; auf der anderen Seite des Fluss/des Bach/des Bürgersteig/des Schloss... Der Gebrauch der (e)s-Endung des Genitivs bei geografischen Namen im Maskulin oder Neutrum Singular hingegen schwankt offensichtlich. Dann liegt es doch nahe, zu denken, dass es hier eine besondere Regel geben muss.

Nachdem eine Recherche in den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache (Stand April 2006) ergeben hat, dass der Flussname Tejo mit einer Genitivendung s nicht belegt ist, scheint es angemessen, die deutschen und fremden geografischen Namen getrennt zu untersuchen.

Genitivform von deutschen und eingedeutschten geografischen Namen

Es handelt sich hier nicht nur um geografische Namen, die historisch deutsch sind, sondern auch um Namen, die im Laufe der Zeit eingedeutscht wurden oder so geläufig sind, dass sie nicht mehr als fremde Namen empfunden werden.

Als Beispiele dienen:
Flussnamen: Rhein, Neckar, Nil
Gewässernamen: Gardasee, Atlantik, Mittelmeer
Ländernamen (auch Namen von Kontinenten, Provinzen u.Ä.): Afrika, Australien, Japan, Deutschland
Städtenamen: Berlin, Frankfurt

1) Einige geografische Namen können ohne Artikel verwendet werden, z.B. Afrika, Australien, Japan, Deutschland oder Berlin, Frankfurt. Wenn diese Namen so verwendet werden, tragen sie im Genitiv immer die Endung '(e)s' wie z.B. in den folgenden Sätzen:

Der Geist des Weins weht nicht schlecht im Süden Afrikas.
[Die Zeit (Online-Ausgabe), 28.11.2002, S.80]
Der Weiße Hai ist für Menschen am bedrohlichsten. Er wird bis zu sieben Meter groß und taucht vor den Küsten Südafrikas, Floridas und im Süden Australiens auf.
[Berliner Zeitung, 06.08.2001, S.10]
Der mächtige Taifun "Songda" hat im Süden Japans mindestens acht Menschen in den Tod gerissen.
[Berliner Zeitung, 08.09.2004, S.36]
Im Süden Berlins stand einmal die Wiege der deutschen Luftfahrt.
[Die Zeit (online-Ausgabe) 31.12.2003, S.17]

Belegzahlen 1 (Abschnitt ein-/ausblenden)

Belegzahlen basierend auf dem Korpus des Instituts für Deutsche Sprache "alle Texte geschriebener Sprache" (Stand April 2006):

im Süden Afrikas: 192 mal belegt
im Süden Afrika: Ø
im Süden Australiens : 47 mal belegt
im Süden Australien: Ø
im Süden Japans: 41 mal belegt
im Süden Japan: Ø
im Süden Deutschlands: 241 mal belegt
im Süden Deutschland: 3 mal belegt
im Süden Berlins: 188 mal belegt
im Süden Berlin: Ø
im Süden Frankfurts: 45 mal belegt
im Süden Frankfurt: Ø

Warum im Süden Deutschland dreimal ohne Genitivendung vorkommt, ist unklar.
Belege:

Der 81-jährige Theo landet mit 18,1 Milliarden Dollar immerhin auf Platz 14. Die beiden Brüder haben das Aldi-Imperium unter sich aufgeteilt: Karl herrscht über die Filialen, die im Süden Deutschland liegen.
[Berliner Zeitung, 28.02.2004, S. 14]
Wen das unbeständige Wetter am Wochenende zu sehr stört, sollte laut Wetterdienst bedenken, daß der Mai in der Mitte und im Süden Deutschland zu trocken war.
[Frankfurter Rundschau, 03.06.1997, S. 17]
Kurz vor dem Ende der um diese Zeit üblichen Hitzeperiode werde das Hochdruckgebiet "Ernst" die Temperaturen vor allem im Süden Deutschland bis auf 30 Grad ansteigen lassen, sagt der Deutsche Wetterdienst voraus.
[Mannheimer Morgen, 20.08.1996; Auf einen Blick]

2) Wenn geografische Namen mit einem Artikel verwendet werden, kann man sie sowohl mit der Genitivendung (e)s als auch ohne diese Endung verwenden. Untersuchungen zeigen allerdings, dass der Gebrauch der endungslosen Form in gegenwärtigen Texten immer mehr abnimmt.

Eine (nicht repräsentative) Untersuchung der Verwendung von Atlantik bzw. Atlantiks im Internet hat ergeben, dass die Form des Atlantik nur noch 5 % der Belege ausmacht, aber 95 % der Belege auf die Form des Atlantiks entfallen. In den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache (Stand April 2006) gibt es noch in 20 Prozent der Fälle die Form des Atlantik.

Man kann also sagen, dass zwar beide Formen möglich sind, aber dass die Form mit der Genitivendung (e)s bei Weitem überwiegt. Es sind allerdings leichte Unterschiede zu beobachten zwischen den verschiedenen Bereichen. Geografische Namen ohne Genitivendung finden sich am häufigsten im Bereich der Länder- und Städtenamen (s. Belegzahlen 2).

Belegzahlen 2 (Abschnitt ein-/ausblenden)

Belegzahlen für geografische Namen im Genitiv mit der Endung (e)s und ohne Genitivendung. Die Zahlen basieren auf den "Korpora mit überwiegend neuer Rechtschreibung" des Instituts für Deutsche Sprache, in denen Texten von 1999 bis 2005 integriert sind (Stand April 2006):

Namen (e)s Ø
Rhein 910 5
Neckar 423 14
Nil 55 14
Atlantik 774 130
Gardasee 162 2
Mittelmeer 178 Ø
Afrika 55 152
Australien 5 3
Japan 14 18
Deutschland 221 182
Berlin 100 92
Frankfurt 2 2

Der Gebrauch von geografischen Namen - vor allem von Namen von Flüssen - ohne die Genitivendung (e)s wirkt gehobener, auch ein wenig altmodisch - aber Goethe und Thomas Mann z.B. schrieben des Rheins und nicht des Rhein!

Für den Zustand der Liebenden an dem schönen Ufer des Rheins war diese Vergleichung, zu der sie ein Schalk genötigt hatte, von den anmutigsten Folgen.
[Goethe, Dichtung und Wahrheit, Hamburger Ausgabe, Band 9, S. 464]
Wagner war national, dies vor allem, ja einzig dies; von Paris heimkehrend hatte der arme und namenlose junge Künstler, in feierlicher Gefühlswallung am Ufer des Rheins hingeworfen, "seinem deutschen Vaterland ewige Treue geschworen".
[Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, [1. Buchausgabe 1918], In: Gesammelte Werke, Bd.12.- Frankfurt a.M., 1960, S. 118]

Genitivformen von fremden geografischen Namen

Als Beispiele dienen:

Flussnamen: Tejo, Dnjepr, Mississippi und die Zusammensetzungen mit River (Hudson- River u.Ä.)
Gewässernamen: Lago Maggiore und die Zusammensetzungen mit Lake (Lake Michigan u.Ä.)
Länder- und Städtenamen (auch Provinzen, Gegenden u.Ä): Lake District, Manhattan, Montmartre, Budapest

Fremde geografische Namen werden üblicherweise ohne die Genitivendung (e)s verwendet. Der Flussname Tejo zum Beispiel bleibt in allen Korpora des Instituts für Deutsche Sprache unverändert.

Belegzahlen 3 (Abschnitt ein-/ausblenden)

Name (e)s Ø
Tejo Ø 14
Dnjepr Ø 7
Mississippi 3 20
River 15 81
Lago Maggiore Ø 20
Lake 2 20
Lake District Ø 3
Manhattan Ø 6
Montmartre Ø 7
Budapest Ø 4

Erklärung und Zusammenfassung

Einem Eigennamen gebührt Respekt. Man verändert ihn nur, wenn es nötig ist. Eine allgemeine Regel zur Beugung von Eigennamen besagt, dass der Eigenname unverändert bleibt, wenn der Kasus der Nominalgruppe (Nomen eventuell begleitet von einem Artikel oder einem Attribut), in der der Eigenname steht, an einem Begleiter des Eigennamens, z.B. am Artikel, erkennbar ist. Prototypische Eigennamen sind Personen- und Familiennamen. Bei den geografischen Namen scheint es eine Unsicherheit zu geben, ob man sie wie Eigennamen oder wie "normale Substantive" (Appellativa) beugen soll. Deutsche, eingedeutschte oder nicht mehr als fremd empfundene geografische Namen werden eher wie Appellativa gebeugt (d.h. mit einer Genitivendung im Maskulin und Neutrum Singular), wobei Ländernamen am häufigsten noch als Eigennamen gebeugt werden können. Fremde geografische Namen werden wie Eigennamen gebeugt (d.h. ohne Genitivendung im Maskulin und Neutrum Singular).

Zu weiteren Besonderheiten der Beugung von Eigennamen siehe folgende Fragen: