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Schlagwörter: Komposition Kompositum Morphologie Wortbildung

Zitronenfrischer Zitronenkaffee — Wieviele Wörter gibt es?

Die Zehn Gebote haben 279 Wörter.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung hat 300 Wörter.
Die EU-Verordnung zur Einfuhr von Karamelbonbons hat 25.911 Wörter.

Bodo Hauser

Es gibt offenbar enorm viele Wörter. Wenn schon die Verordnung zur Einfuhr von Karamelbonbons fast 26.000 Wörter hat.... Lassen sie sich zählen? Wenigstens schätzen? Wenigstens für das Deutsche?

Der Große Duden in acht Bänden (1999) schätzt den deutschen Fachwortschatz der Elektrotechnik auf 60.000 eigene Ausdrücke, den der Medizin auf 250.000 und den der organischen Chemie auf über 3 Millionen. "Christian Galinski vom Österreichischen Normungsinstitut, das seit 1971 in Wien ein von der Unesco unterstütztes Terminologiezentrum unterhält, schätzte den Gesamtbestand deutscher Wörter in allen Fach- und Sondersprachen 1986 auf über 30 Millionen - und glaubt im Übrigen festgestellt zu haben, dass er sich alle vier Jahre verdoppelt" (Dieter E. Zimmer (1990): Wie viele Wörter hat der Mensch? In: Der Sprachdienst XXXIV, S. 81).

Begrenzte Fachwortschätze kann man also halbwegs schätzen, jedenfalls für einen bestimmten Zeitpunkt. Kann man dann auch den gesamten deutschen Wortschatz für einen bestimmten Zeitpunkt, sagen wir: genau heute schätzen? Das ist insofern unmöglich, als wir es hier mit etwas ganz und gar Unübersichtlichem zu tun haben.

Unser Wortschatz ist unter realistischen Bedingungen nicht zählbar, ja, nicht einmal schätzbar, weil er der großen Datenmenge wegen erst gar nicht erfasst werden kann und weil es zudem so viele potenzielle Wörter gibt.

Sprache als offenes System

Unsere Sprache ist ja ein offenes System; wir können unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln machen:

  • Ein gutes Beispiel dafür ist das Verfahren der Wortbildung, bei dem aus bereits vorhandenem Sprachmaterial Wörter gebildet werden. Im Deutschen geschieht das vor allem durch Zusammensetzung, z.B. Zitronenfalter, zitronengelb, und durch Ableitung, z.B. zitronig, Zitronigkeit. Als Sprachmaterial genutzt werden vor allem Wörter, z.B. Zitrone, gelb, und Wortbildungsaffixe, z.B. -ig, -keit. Die Möglichkeiten zur Bildung immer weiterer Wörter sind also vielfältig, im Deutschen besonders die der Zusammensetzung:
    • Erstens gibt es schon unübersichtlich viele etablierte Wörter, die etwa mit Zitrone zusammengesetzt worden sind, z.B.
      Zitronengras
      Zitronentee
      Zitronenmelisse
      Zitronenschale
      Zitronentarte
      Zitronenmarmelade
      Zitronensorbet
      Zitronenlikör
      zitronensauer
      zitronenfrisch
      Nicht mal sehr große Wörterbücher können all diese Wörter verzeichnen; das größte Wörterbuch, das Deutsche Wörterbuch in 33 Bänden, verzeichnet immerhin als etablierte Komposita Zitronenapfel, Zitronenbaum, Zitronenfarb, Zitronenholz und Zitronensaft; der einbändige Duden - Deutsches Universalwörterbuch (20035) hat Zitronenbaum, Zitronencreme, Zitroneneis, Zitronenfalter, Zitronenlimonade, Zitronenöl, Zitronenpresse, Zitronenrolle, Zitronensaft, Zitronensäure, Zitronenscheibe, Zitronenwasser, Zitronenfrucht, Zitronenpflanze und zitronengelb.
    • Zweitens lassen sich schon mit Zitrone unübersichtlich viele weitere Wörter spontan für die verschiedensten Gelegenheiten zusammensetzen. Die Sprachkorpora des Instituts für Deutsche Sprache belegen z.B.
      Zitronenkaffee: Den schlappen Kreislauf bringt man am besten mit eine Tasse Kaffee in Schwung. Kaffee mit Zitronensaft würzen. Wer Magenbeschwerden hat, sollte auf dieses Rezept besser verzichten. (Schmeckt übrigens scheußlich.)
      [Berliner Zeitung, 28.12. 2001, S. 25]
      Und der Gourmetkünstler zeigt, wie sich die Oberfläche eines topfrischen Stück Fisches unter Zitronenbeträufelung milchigweiß verfärbt
      [Mannheimer Morgen, 25.05. 2004, Die Schere im Topf: Nur Mut zum Hacken und Knacken]
      Vielleicht liegt es daran, daß die behandelten Zitronen im Akkord wachsen, damit sie die Behandlung schnellstmöglich hinter sich bringen. Womöglich gibt es auch einen Zitronenwurm, der die unbehandelten teilweise dahinrafft und somit teurer macht. Was weiß man denn als Laie schon vom Zitronenwesen?
      [Oberösterreichische Nachrichten, 21.08.1997, Saures Rätsel]
      In Seidenpapier eingemummte erste Tulpen und Rosen aus dem Süden lassen erahnen, dass es auch mit dem grausten Grau mal ein Ende haben wird. Gleiches verheissen auch die zitronenblonden Wolken der Mimosen. Ihre aparten Blütenstände strahlen einen ganz und gar unschweizerischen Optimismus aus
      [Züricher Tagesanzeiger, 31.01.1996, S. 12]
      Der Himmel vibriert, daß die Glühwürmchen verschreckt in die roten und grünen Scheinwerfer taumeln. "Fool`s Garden" on Tour. Sagt Ihnen nichts? "Lemon Tree", der zitronenkühle Hit der Saison auch nicht? Macht nichts!
      [Neue Kronen-Zeitung, 26.08.1996, S. 12]
  • Zu den wortgebildeten Wörtern kommen dann auch noch all die Wörter hinzu, die durch Bedeutungsveränderung gewonnen werden, z.B. Speicher 'Datenträger' aus Speicher 'Vorratsraum'. Wie die Wortbildung ist die Bedeutungsveränderung ein Prozess innerhalb einer Sprache. Verändert wird bei der Bedeutungsveränderung ausschließlich die Bedeutung eines Wortes. Die Bedeutung wird:
    • erweitert, z.B. packen 'anfassen, ergreifen' aus packen 'etwas bündeln'
    • verengt, z.B. fahren 'sich mit einem Fortbewegungsmittel, meist einem mit Rädern, fortbewegen' aus mhd. varn 'sich fortbewegen, gehen'
    • verschoben, z.B. mhd. Zweck 'Ziel, Sinn' aus zwec 'Nagel' (heute noch in Reißzwecke)
    • übertragen, z.B. Fuchs 'schlauer Mensch'
    • aufgewertet, z.B. toll 'großartig, wunderbar' aus toll 'psychisch gestört, verrückt'
    • abgewertet, z.B. Dirne 'Prostituierte' aus Dirne 'Mädchen' (heute noch nordtdeutsch deern)
  • Hinzu kommen schließlich dauernd Wörter, die aus anderen Sprachen entlehnt werden, z.B. Chanson aus dem Französischen, Piercing aus dem Englischen oder Zitrone aus dem älteren italienischen citrone 'Zitronatszitrone'. Wie etwa das Neologismenwörterbuch des Instituts für Deutsche Sprache zeigt, werden ständig neue Wörter entlehnt. Das dreibändige Anglizismenwörterbuch verzeichnet rund 3500 Wörter, die nach 1945 aus dem Englischen ins Deutsche entlehnt worden sind; die Neubearbeitung des Deutschen Fremdwörterbuchs ist auf 15 dickleibige Bände von A bis Q angelegt; der einbändige Duden - Das Fremdwörterbuch wirbt in seiner neuesten Ausgabe (2005) mit 55.000 Stichwörtern.
  • Ganz selten kommen schließlich einige Wörter durch Urschöpfung hinzu. Durch Urschöpfung werden Wörter aus zuvor so noch nicht zusammengestellten Lauten gebildet. Häufig sind Lautmalereien, sogenannte Onomatopoetica, z.B. pardauz oder Kuckuck.

Bei so vielen etablierten, spontanen und potenziellen Wörtern kann es einem leicht so gehen wie Jakob Grimm, dem großen Lexikografen des 19.Jahrhunderts, der im Vorwort zu seinem oben schon zitierten Deutschen Wörterbuch romantisch seufzte:


wie wenn tagelang feine, dichte flocken vom himmel nieder fallen,
bald die ganze gegend in unermeszlichem schnee zugedeckt liegt,
werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich eindringender wörter
gleichsam eingeschneit
.